Obwohl Tochter eines Bienenzüchters, war Elma Guadalupe Cab Hochín früher nie an Bienen interessiert. „Als Kind hatte ich große Angst vor Bienen. Einmal wurde ich gestochen und wollte meinen Vater nie wieder begleiten“, sagt die 51-Jährige, während sie langsam den Deckel eines Bienenstocks anhebt. Doch vor ein paar Jahren änderte ein Unfall alles.
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Elmas Sohn Santiago war im Frühjahr 2023 mit seinem Motorrad von Isla Arena über die ramponierte Verbindungsstraße in die nächste Stadt unterwegs, als er von einem Auto angefahren und schwer verletzt wurde. Während er Wochen im Krankenhaus verbrachte, stand draußen sein Lebenswerk auf dem Spiel: die Bienen auf Isla Arena. Denn der Enkel eines Imkers hatte die Familientradition wieder aufgenommen und mit einer Bienenzucht begonnen. Wobei es dem auf Imkerei spezialisierten Agrarökologen bei dieser Entscheidung um mehr als Honig ging. Mit seiner experimentellen Bienenzucht wollte er auch die Bestäubung der Mangroven sichern und einen Beitrag zum Schutz der gefährdeten Mangrovenwälder der Insel leisten.
„Wir konnten nicht zulassen, dass sein Bienenprojekt in den Mangroven umsonst war“, sagt Elma Guadalupe Cab Hochín rückblickend, „also hat die ganze Familie mit angepackt, um während seiner Genesung nach seinen Bienenstöcken zu sehen.“
Mehrere Jahre und einige Operationen später ist Santiago noch immer nicht vollständig genesen – während sich Elma zu einer erfahrenen und leidenschaftlichen Imkerin entwickelt hat. Gibt es viel zu tun, wird sie von ihrem Mann Mario unterstützt, der sonst wie die meisten hier als Fischer arbeitet. Auch der jüngste Sohn Humberto, ein Mechaniker, hilft bei Bedarf sowie ihr Nachbarn Juan.
Elma führt hauptberuflich ein kleines Restaurant an ihrem Wohnort mit weniger als 1.000 Einwohnern, doch zweimal in der Woche nimmt sie sich ein paar Stunden frei und fährt mit dem Boot zu ihren Bienen.
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Die Europäischen Honigbienen der Familie Cab befinden sich auf einem schmalen sandigen Streifen inmitten von Mangroven auf Isla Arena. Die kleine Halbinsel im Biosphärenreservat Ría Celestún im Norden des mexikanischen Bundesstaats Campeche hatte Santiago 2023 für seinen Bienenstand ausgewählt und sich jedes Wochenende um die Bienen gekümmert. Bis sein Unfall die Bienen zur Familiensache machten.
Die Bienenstöcke stehen auf einer Lichtung des Mangrovenwaldes, also einem Wald im Tidebereich, im Norden der Isla Arena. Auf der Insel gibt es mehrere Baumarten, die im Wasser stehen, darunter die weiße Mangrove (Laguncularia racemosa), die schwarze Mangrove (Avicennia germinans) und die rote Mangrove (Rhizophora mangle). Alle bieten den Bienen Nahrung und werden von ihnen bestäubt.
In Mexiko wachsen nach Angaben der Nationalen Kommission für die Erforschung und Nutzung der biologischen Vielfalt (CONABIO) auf rund 900.000 Hektar Mangroven. Laut der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO) sind das sechs Prozent der weltweiten Mangrovenflächen. Mexiko liegt damit flächenmäßig hinter Indonesien, Brasilien und Australien auf Platz vier. Fast 80 Prozent der mexikanischen Mangrovenwälder sind heute geschützt.
„Ursprünglich war der Bienenstand etwas weiter nördlich und näher am Meer, erzählt Elma, aber nach Hurrikan Milton haben wir die Bienenstöcke hierher verlagert, wo sie besser geschützt sind.“ Der Hurrikan hatte die Halbinsel am 7. Oktober 2024 getroffen. „Uns ist bewusst, dass der Schaden ohne den Schutz der Mangroven viel größer gewesen wäre. Deswegen ist deren Erhaltung so wichtig und wir denken, dass wir hier unseren kleinen Beitrag dazu leisten.“
Mangroven spielen heute für Klimaschutz und Klimaanpassung eine wichtige Rolle. Sie verringern die Kraft der Wellen und schützen Küsten bei immer häufiger auftretenden Extremwetterereignissen wie Orkanen oder Tsunamis. Außerdem können sie enorme Mengen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid aufnehmen und binden.
Abgesehen davon wirken Mangroven als Sediment- und Nährstofffilter, was für eine gute Wasserqualität sorgt, und sie bieten zahlreichen Arten Lebensraum. Darunter auch den Bienen, die Nektar von diesen Klimahelden trinken und im Gegenzug durch ihre Bestäubung die Fortpflanzung der Mangroven sichern. Genau diese Interaktion hat Santiago dazu bewegt, sein Bienen-Mangrovenprojekt zu starten.
Ein weiteres Bienen-Projekt von Santiago zeigen Elma und ihre Familie am nächsten Morgen ein paar Besuchern: Die Meliponini, die seit den vorspanischen Zeiten eng mit der Maya-Kultur verbunden sind. Sie gehören zu den Stachellosen Bienen, wie es in den Tropen viele gibt.
Santigo hat im Garten seiner Eltern ein Meliponarium errichtet, eine traditionelle hölzerne Anlage mit einem Dach aus getrockneten Palmblättern, das die Bienen vor Sonne und Regen schützt. „Wir kümmern uns um die Melipona beecheii, die wegen der heilenden Eigenschaften ihres Honigs von unseren Vorfahren als heilig angesehen wurden. Und obwohl sie weniger produktiv sind als die Apis und die Ernte aufwendiger ist, sind sie ein Teil unserer Identität und wir müssen sie weiter züchten, damit sie nicht verschwinden“, erklärt Elma den Touristen aus dem Nachbarstaat Yucatán.
Ein Bienenstock der heiligen Maya-Bienen produziert einen bis anderthalb Liter Honig pro Jahr, während die Apis mellifera im gleichen Zeitraum bis zu 30 Liter liefern. „Anders als Apis mellifera, nutzen Melipona-Bienen keine Waben, um ihren Honig zu erzeugen. Stattdessen bauen sie kleine Wachstöpfe, die sie mit Honig füllen und die wir mit einer Spritze und viel Geduld ernten müssen“, erklärt Elma.
Meliponini werden traditionell in Jobones gezüchtet, hohlen Baumstämmen die an den Enden mit zwei Deckeln verschlossen sind. Zusätzlich werden sie mit einer rötlichen Schlammmixtur versiegelt, was die Temperatur im Inneren stabil hält und vor anderen Insekten und Raubtieren schützt. Für die leichtere Kontrolle der Bienenstöcke nutzen moderne Imker statt der traditionellen Jobones solche mit einem transparenten Deckel. Dadurch kann man hineinsehen, ohne den Deckel zu öffnen.
„In beiden Varianten gibt es ein kleines Loch in der Mitte, durch das die Arbeiterbienen unter der Aufsicht einer Wächterbiene ein- und ausfliegen“, erklärt Elma fachkundig den Touristen.
„Unsere Hauptziele sind die Verbreitung und Erhaltung dieser Art, wir wollen das Interesse an ihrer Zucht wecken und andere ermutigen, die Imkerei als zusätzliche Einkommensquelle zu sehen“, sagt Elma, während ihr Sohn Humberto, der inzwischen auch vom Bienenfieber gepackt ist, Honig und Souvenirs an die Touristen verkauft.
Auch Elmas Mann Mario ist in die Familienkooperative „Honey Kaab“ eingespannt, er hat allerdings Angst vor Bienen und bevorzugt eindeutig das Meliponarium. „Um Melipona zu züchten, muss man sich nicht diese Schutzanzüge antun, sie sind viel ruhiger als die Apis und stechen nicht“, erklärt Mario mit einem leisen Lachen, als er eine der Jobones verschließt
Gemeinsam für die Umwelt
2024 haben sich Honey Kaab und vier andere kleine Bienenzüchter aus den Bundesstaaten Campeche und Yucatán zusammengetan und das Mangrove Honey Producers Network ins Leben gerufen. So wie Honey Kaab haben sich auch die anderen Familienkooperativen dem Umweltschutz verschrieben und das Imkern stellt für sie nur eine Nebentätigkeit dar. Sie wollen Wissen und Erfahrung teilen und gemeinsam Werbestrategien für den Mangrovenhonig entwickeln, der einen charakteristischen, leicht salzigen Geschmack hat.
„Wir alle glauben, dass Bienenstände in die Mangroven zu bringen, ein weiterer Weg ist, sie zu schützen, da wir das Abholzen der Mangroven um die Bienenstöcke herum verhindern. Zusätzlich halten wir die Mangroven in Ordnung, wenn wir regelmäßig zu unseren Bienenstöcken fahren“, erklärt Santiago. Und Elma ergänzt: „Wir allein werden die Welt nicht verändern, aber jeder Beitrag, egal, wie klein er sein mag, zählt.“ //
Text: Laura Fornell | Fotos: Oscar Espinosa | Übersetzung: Cara Buchholz
Laura Fornell
berichtet als „Amalgama Project“ zusammen mit Fotograf Oscar Espinosa aus Lateinamerika, Asien und Afrika. Ihr Schwerpunkt sind soziale und ökologische Fragen.
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