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Der Fenchel hätte schon vergangene Woche aus der Erde gemusst: Inzwischen ist er handgroß, einige Pflanzen blühen bereits. An diesem Montagmorgen hocken Isabel Matos Naranjo und ihre Kollegen auf einem würzig duftenden Acker bei Egenhofen, rund 40 Kilometer westlich von München. Es ist neun Uhr früh, das Thermometer klettert bereits über 20 Grad Celsius. „Wird wohl heiß heute“, sagt Naranjo, wischt sich schweißnasse Haarsträhnen aus der Stirn und trennt mit einem scharfen Messer das Grün von den geernteten Knollen.
Die 21-Jährige macht eine Ausbildung bei der Biogärtnerei Kartoffelkombinat. Gemüseanbau kannte sie bis dahin nur aus den Gärten ihrer Großeltern in Sachsen und Kuba. Doch Naranjo ist glücklich: „Lebensmittel anzubauen, und dann auch noch so wie wir hier: Das ist doch wohl das Sinnvollste auf der Welt!“
Nachhaltig und ohne Ausbeuterei
Das Team lädt den Fenchel auf den Traktor. Als Nächstes ist Spitzkohl dran, danach Zucchini – die frische Ernte für mehr als 6.000 Genossinnen und Genossen aus 2.500 Münchner Haushalten. 14 Jahre nach der Gründung ist das Kartoffelkombinat Deutschlands größte solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi. Finanziert wird sie durch die Beiträge ihrer Mitglieder. Diese decken nicht nur den Gemüseanbau, sondern auch Reparaturen, Logistik, Verwaltung, Personal und Ernteausfälle. Mit der direkten Beziehung zwischen Erzeugern und Abnehmern – regional, ohne Zwischenhändler und Supermarktketten – fordern immer mehr Solawis die gewinnorientierte Lebensmittelwirtschaft heraus. „Wir wollen zeigen, dass die Versorgung der Bevölkerung auch anders geht: nachhaltig und ohne Ausbeuterei“, sagt Daniel Überall, Mitbegründer und Vorstand des Kombinats. Er hofft, dass seine Genossenschaft anderen zum Vorbild werden kann.
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Der Fenchel vom Feld muss sauber werden. Nach und nach schieben ihn zwei Mitarbeiter durch eine Waschstraße in der Lagerhalle des Kombinats. Danach übernimmt das Packteam: Zu viert verteilen sie die Knollen zusammen mit Salat und Spitzkohl in grüne Kisten. Außerdem holen sie Minigurken aus einem Kühlhaus und Agretti – ein Salzkraut, das ein Partnerbetrieb liefert. Damit die Mitglieder für ihren einmaligen Genossenschaftsanteil von 150 Euro und den Monatsbeitrag von 81 Euro jede Woche eine gut gefüllte Gemüsekiste erhalten, ist präzise Planung nötig. Das ist Benny Schöpfs Aufgabe. Er ist Gärtnermeister und Anbauleiter des Kombinats.
Gemeinsam mit zwei Kollegen macht er jeden Wochenbeginn einen Rundgang über die Felder. Sie kontrollieren das Wachstum des Mangolds, spähen unter die Netze des Blumenkohls und prüfen die Bodenfeuchte. Auf ihren Äckern landet kein synthetischer oder tierischer Dünger. Stattdessen setzen die Gärtnerinnen und Gärtner in ihrer Fruchtfolge auf Leguminosen wie Klee, Erbsen oder Bohnen, die Stickstoff aus der Luft binden und so den Düngebedarf des Bodens verringern. Zusätzlich bauen sie Kleegras an, das sie siliert oder getrocknet als Dünger oder feuchtigkeitsspeichernden Mulch unter Buschbohnen, Gurken und Tomaten in den Gewächshäusern verteilen. Zwischen den Gemüsereihen gedeihen bunte Blühstreifen. Über ihnen flattern Schmetterlinge, Hummeln und Bienen. „Damit fördern wir die Artenvielfalt“, erklärt Schöpf. „Die vielen Insekten helfen uns, indem sie Schädlinge fressen, bevor sie unser Gemüse befallen.“
Der heute 44-Jährige arbeitete einst als gut bezahlter Informatiker in einem Industriebetrieb, bis er begann, das System, in dem wir leben, zu hinterfragen. „Ich wollte das Rad des Kapitalismus, das so viel Leid erzeugt, nicht länger antreiben“, sagt er. Er schulte zum Gemüsegärtner um, begann beim Kartoffelkombinat und wurde 2024 von der Europäischen Kommission zum besten Biobauern Europas ausgezeichnet. Der ökologische Anbau ist Kern vieler Solawis. „Gäbe es noch mehr davon, wären unsere Äcker und unsere Umwelt gesünder“, betont Andrea Klerman vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.
Neue Wege in der Landwirtschaft
Die Solawi-Bewegung ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Als sich das Netzwerk 2011 gründete, gab es bundesweit gerade einmal elf. Heute sind es mehr als 600. Für Julia Palliwoda vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ist es dennoch ein „absolutes Nischenphänomen“. Weniger als 0,2 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland folgen diesem Modell. „Das Potenzial ist deutlich größer.“
Im Forschungsprojekt SolaRegio untersuchte Palliwoda gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, welche politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen nötig sind, damit sich solidarische Landwirtschaft stärker verbreitet. Dafür befragte das Team auch konventionelle Landwirtinnen und Landwirte. „Das Interesse ist durchaus vorhanden“, resümiert Palliwoda. Die Wissenschaftler schätzen, dass allein durch die Umstellung bestehender Höfe bis zu 16.000 zusätzliche Solawis in Deutschland entstehen könnten.
Die Befragung ergab unterschiedliche Beweggründe für eine Umstellung. Manche Betriebe wollen stärker zum Klima- und Artenschutz beitragen. „Doch häufig liegt es auch am steigenden finanziellen Druck“, erklärt Palliwoda. Viele kleinere Betriebe kämpften mit niedrigen Erlösen für ihre Produkte, steigenden Kosten und einem Agrarfördersystem, das sich noch immer stark an der Flächengröße orientiere. „Da gilt oft: wachsen oder weichen. Oder den Betrieb auf andere Beine stellen.“ Ähnliches beobachtet auch Andrea Klerman, vor allem bei Hofnachfolgen. „Solawi ist für viele Landwirte zunächst etwas Ungewöhnliches“, sagt sie. Doch gerade jüngere Generationen suchten nach anderen Wegen zu wirtschaften.
Ob bei der Umstellung eines bestehenden Hofes oder der Neugründung einer Initiative: Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft berät, stellt Wissen, Arbeitshilfen und Kontakte zur Verfügung. Außerdem vertritt es die Interessen der Bewegung gegenüber Politik und Öffentlichkeit. „Mussten sich die Ersten alles selbst erarbeiten, fängt heute niemand mehr bei null an“, sagt Klerman. Neben den ökologischen Lebensmitteln seien vielen Mitgliedern noch andere Aspekte wichtig, wie regionale Verbundenheit und Gemeinschaft. „In Solawis tauscht man sich aus, erreicht gemeinsam Ziele, kann sich aufeinander verlassen“, betont sie. „Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und letztlich auch die Demokratie.“
Eine Solawi mit Vorbildcharakter
Interesse bei Landwirten, Unterstützung durch das Netzwerk und viele ökologische und soziale Vorteile – warum ist die Bewegung trotzdem noch nicht größer? Während viele kleinere Solawis auf die regelmäßige Mithilfe ihrer Mitglieder auf den Feldern angewiesen sind, ist das beim Kartoffelkombinat keine Pflicht. In der Gärtnerei arbeiten neben Benny Schöpf weitere fest angestellte Gärtnerinnen und Gärtner. Sie bewirtschaften mehr als 25 Hektar Freiland, drei Gewächshäuser und sechs Folientunnel, in denen unter anderem Auberginen und Spinat wachsen. Gut 50 Gemüsesorten säen, pflanzen und ernten sie. Hinzu kommen Teilzeitkräfte, Minijobberinnen, zwei Auszubildende, Packerinnen und Packer sowie Mitarbeitende im Münchner Büro. Außerdem Daniel Überall und seine Vorstandskollegin Jana Hohberger. Ohne diese Struktur – davon sind beide überzeugt – ließe sich die Versorgung von 6.000 Menschen nicht stemmen. Es brauche eine Mindestanzahl an Mitstreitenden, um wirklich etwas zu bewegen. „Wir wollen keine kleine Gruppe Glückseliger bleiben, sondern das System verändern!“, sagt Überall.
Jede Solawi sei anders, angefangen bei ihrer Entstehung, ihrem Standort bis zu ihren Mitgliedern, so Andrea Klerman. Die Größe des Kartoffelkombinats lasse sich nicht einfach übertragen, sei aber durchaus beispielhaft. „Sie erleichtert eine gewisse unternehmerische Kalkulation.“ Kredite, feste Arbeitsplätze und Investitionen ließen sich so deutlich besser planen und umsetzen. Wie im Falle des Kombinats bei der Sanierung eines Bürogebäudes, dem Bau eines Rückhaltebeckens für Regenwasser oder dem Kauf von Traktoren und einem E-Transporter.
Logistik, Fachpersonal und Mitgliederzahlen
Einen Tag nach der Ernte und dem Verpacken öffnet Maximilian de la Rosée die Ladefläche seines Lieferwagens und lädt fast 170 Kisten ein, jede etwas mehr als fünf Kilogramm schwer. Viermal pro Woche bringt er mit sechs Kolleginnen und Kollegen das Gemüse nach München. 140 Verteilpunkte gibt es inzwischen: private Garagen, Buchläden oder Architekturbüros. Allein im Keller eines Bioladens im Stadtteil Sendling stapelt de la Rosée 60 Kisten. Als er die letzten mit der Sackkarre durch die engen Gänge balanciert, kommt schon die erste Genossin: eine junge Mutter mit Kind, das sofort genüsslich in eine Gurke beißt.
Für Julia Palliwoda ist eine gute Logistik einer der Schlüssel, wenn Solawis künftig mehr Menschen erreichen sollen. „Die Strukturen müssen stärker an unterschiedliche Lebensrealitäten angepasst werden“, sagt sie. Etwa kleinere Kisten oder die Möglichkeit, sie einige Male im Jahr abzubestellen. Auch Benny Schöpf möchte künftig mehr Flexibilität ermöglichen. Jeden Herbst plant er mit seinem Team, wie viel Saatgut benötigt wird und wo und wann Brokkoli, Kartoffeln oder Kürbisse wachsen sollen. „Wenn jemand ein Gemüse nicht verträgt oder gar nicht mag, sollte das Mitglied so etwas melden können.“ Wisse er frühzeitig davon, lasse sich das bis zu einem gewissen Grad umsetzen.
Die Sorge um geeignetes Fachpersonal treibt Schöpf stärker um: „Viele wissen kaum etwas über den Beruf – und das, obwohl er so wichtig ist.“ Deshalb bildet das Kartoffelkombinat seinen Nachwuchs selbst aus. Sieben Lehrlinge hat das Team bereits ausgebildet, vier sind geblieben. Die Gärtnerinnen und Gärtner verdienen je nach Position 35 bis 45 Prozent mehr als branchenüblich. Saisonkräfte gibt es nicht, dafür seit Neuestem eine Betriebsärztin. Trotzdem fehlen Fachkräfte. „Das ist ein verbreitetes Problem in der Ökolandwirtschaft, in der mehr Menschen kleinteiligere Arbeit erledigen müssen“, erklärt Klerman.
Viele Solawis stehen zudem vor einer weiteren Herausforderung: dem Rückgang ihrer Mitglieder. Angesichts geopolitischer Krisen, steigender Lebenshaltungskosten und wirtschaftlicher Unsicherheit überdenken viele Haushalte ihre Ausgaben. „Früher führten viele Initiativen Wartelisten“, führt Klerman aus. „Im Moment ist es viel schwieriger, neue Mitglieder zu gewinnen.“ Langfristig glaubt sie dennoch, dass genau diese aktuellen Krisen die Menschen wieder stärker zur regionalen Versorgung bewegen werden. „Ich bin zuversichtlich, dass das Wachstum der solidarischen Landwirtschaft weitergeht“, betont auch Julia Palliwoda. „Denn wir merken alle, wie anfällig globale Lieferketten sind.“
Vom Randphänomen zur Zukunftsidee
Damit das gelingt, brauche es jedoch die richtigen Rahmenbedingungen. „Schon eine Person in jeder Kommune, die zu solidarischer Landwirtschaft berät, wäre ein enormer Fortschritt“, sagt Klerman. Auch das Forschungsprojekt SolaRegio formuliert Handlungsempfehlungen: Beispielsweise ließe sich der Ernteanteil in die Grundsicherung integrieren, um einkommensschwächere Personen einzubinden; Mitgliedschaften könnten in die Bonusprogramme der Krankenkasse aufgenommen und Kooperationen zwischen Solawis und Kantinen, Schulen oder Kindertagesstätten gestärkt werden. „Und natürlich braucht es einen besseren Zugang zu staatlichen Förderungen“, erklärt Palliwoda.
So könnten Solawis vom Randphänomen zu einem sichtbaren Teil des Ernährungssystems werden – und vielleicht eines Tages eine ähnliche Bedeutung erreichen wie in anderen Ländern. In Japan, wo die Solawi-Idee in den 70er Jahren aufkeimte, versorgt das „Teikei“-System mittlerweile Millionen Menschen mit ökologischem Obst und Gemüse. Und in Südkorea verbindet die Genossenschaft „Hansalim“ mehr als 2.000 Bauernhöfe über Kooperativen und Bioläden mit mehr als einer halben Million Haushalten.
Große Träume und Visionen haben auch die Kartoffelkombinatler: Regelmäßige Schulbesuche, um das Konzept bekannter zu machen, eine neue Zweigstelle, eigener Getreideanbau, vielleicht ein eigener Supermarkt. Immer mit dem Ziel, noch mehr Menschen mit regional erzeugtem Gemüse zu versorgen. „Vielleicht naiv, daran zu glauben“, sagt Überall. „Aber es nicht zu versuchen – das könnten wir uns nicht verzeihen.“ //
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