Gletscher spielen in vielen Teilen der Welt eine bedeutende Rolle für die Wasserversorgung. Ihr Schmelzwasser bewässert Felder und erhält Ökosysteme, treibt Wasserkraftwerke an und versorgt Menschen mit Trinkwasser. Doch durch den Klimawandel schmelzen diese eisigen Wasserspeicher immer schneller ab. Zunächst steigert sich durch diesen Gletscherrückgang zwar die Wasserverfügbarkeit, weil viel Eis in kurzer Zeit taut und als Schmelzwasser zu Tal strömt – ein Phänomen namens „Peak Water“. Doch je kleiner die Gletscher werden, desto weniger Wasser können sie abgeben. Einige Gletscher haben diesen Punkt bereits jetzt überschritten.
Wenn Klimaziele überschritten werden
Doch wie lange dauert es, bis sich die Gletscher aufgrund erfolgreichen Klimaschutzes wieder regenerieren? Diese Frage hat ein Team um Lilian Schuster von der Universität Innsbruck anhand von Klimamodellen untersucht. Dabei simulierten sie ein sogenanntes Overshoot-Szenario, bei dem das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Ziel, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, zeitweise überschritten wird. Erst danach führen verstärkte Klimaschutzmaßnahmen dazu, dass die Temperatur wieder sinkt.
Im Modell der Forschenden stiegen die globalen Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2150 auf drei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau und sanken bis 2300 wieder auf das 1,5-Grad-Niveau. Das sei angesichts der aktuellen Klimaschutzmaßnahmen realistisch: „Die derzeitigen Klimapolitiken steuern auf rund drei Grad Celsius zu“, erklärt Schusters Kollege Fabien Maussion. „Eine solche Welt ist für Gletscher deutlich schädlicher als eine, in der die 1,5°C-Grenze nie überschritten wird.“
Langfristige Wasserknappheit
Die Ergebnisse zeigen, dass die Gletscher in dem simulierten Szenario bis zum Jahr 2200 etwa 16 Prozent mehr Masse verlieren, als wenn das 1,5-Grad-Ziel eingehalten wird. Auch wenn die globalen Temperaturen wieder fallen, lassen sich diese Verluste für lange Zeit nicht ausgleichen. „Unsere Modelle zeigen, dass es viele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern würde, bis große Gletscher sich nach einem Drei-Grad-Overshoot erholen“, berichtet Schuster. „Bei kleineren Gletschern, etwa in den Alpen, im Himalaya oder in den Tropischen Anden, ist eine Erholung frühestens bis zum Jahr 2500 denkbar – nicht aber für kommende Generationen.“
Das bringt den Forschenden zufolge zahlreiche Probleme mit sich. Die schmelzenden Gletscher sorgen zum einen dafür, dass der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigt. Nach Überschreiten der Peak-Water-Phase steht zudem weniger Schmelzwasser zur Verfügung. Doch auch die spätere Regeneration der Gletscher reduziert die Wasserverfügbarkeit weiter. Denn Wasser, das als neues Eis in den Gletschern gespeichert wird, steht nicht für andere Zwecke zur Verfügung. Dieses Phänomen bezeichnet das Forschungsteam als „Trough Water“, übersetzt Trogwasser. „Unsere Studie zeigt, dass etwa die Hälfte der betrachteten Einzugsgebiete nach 2100 solche Trough-Water-Phasen erleben könnte“, sagt Schuster. Hier besteht neues Konfliktpotenzial, denn die langfristig wünschenswerte Abkühlung des Klimas wurde kurzfristig die Wasserknappheit in einigen Regionen verschlimmern.





