bild der wissenschaft: Beim China-Staatsbesuch von Bundespräsident Horst Köhler waren Sie Delegationsmitglied. Welche Eindrücke haben Sie mitgebracht, Herr Professor von Weizsäcker?
Von Weizsäcker: Positive und negative. Das Umweltbewusstsein der politischen Führung ist sehr hoch. Die Luft- und Wassersituation ist sehr schlecht, und der Zubau von Kohlekraftwerken und Straßen geht unvermindert weiter.
bdw: Im kommenden Jahrzehnt wird China die USA bei der CO2-Emission überflügeln. Ist das unabänderlich?
Von Weizsäcker: Maßnahmen, die man heute ergreift, kommen zu spät, um das zu vermeiden. Im Übrigen sollte man fairerweise die Pro-Kopf-Emissionen vergleichen, da sind die USA vierfach höher! Eine interessante Äußerung habe ich in Peking gehört: „Unser größter Beitrag zum Klimaschutz ist die Ein-Kind-Familie.” Ohne Geburtenkontrolle gäbe es heute 400 Millionen mehr Chinesen, mit entsprechend höheren Klimabelastungen.
bdw: Vor gut zehn Jahren behaupteten Sie, die Chinesen könnten sich energievergeudende Technologien weniger leisten als wir. Wenn dem so ist: Warum produziert das Land immer noch Waren mit einem Höchstmaß an Energievergeudung?
Von Weizsäcker: Stimmt nur teilweise. Bei Stahl etwa hat die Energieintensität in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent abgenommen, und das BASF-Werk in Nanjing ist so effizient wie das in Ludwigshafen.
bdw: Bei Recherchen registrieren wir immer wieder: Chinesen wollen ein eigenes Auto, und zwar ein großes. Die westliche Wohlstandsgesellschaft lässt grüßen!
Von Weizsäcker: Glück und Wohlstand gehören in der chinesischen Kultur fast noch enger zusammen als in der deutschen. Aber es ist gut denkbar, dass in China die Wahrnehmung von Wohlstand von PS auf Öko umschwenkt. Alle Großstadt-Chinesen leiden unter der schrecklichen Luftsituation.
bdw: Kohle wird in China noch viele Jahre der maßgebliche Energieträger bleiben. Oder haben Sie einen anderen Eindruck bekommen?
Von Weizsäcker: Leider ist der Versuch, das deutsche EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, zu kopieren, in letzter Minute gekippt worden. Ich habe nicht erfahren, wer es sabotiert hat – allerdings gibt es trotzdem einen Aufschwung bei erneuerbaren Energien.
bdw: Sie wurden geradezu berühmt durch Ihren „Faktor Vier”: doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. Wenn man den chinesischen Verbrauch stabilisieren könnte, müsste der vierfache Nutzen her, um den Faktor Vier zu erreichen.
Von Weizsäcker: Faktor Vier ist 1999 ins Chinesische übersetzt worden. Zusammen mit Amory Lovins’ „Natural Capitalism” hat das Buch angeblich dazu beigetragen, dass im 11. Fünfjahresplan, der seit 2006 gilt, die Erhöhung der volkswirtschaftlichen Energieeffizienz um 20 Prozent ein Kernpunkt der weiteren Entwicklung ist. Auf sechs Fünfjahresperioden umgerechnet käme man immerhin auf einen Faktor Drei. Allerdings hinkt man mit der Verwirklichung hinterher. Ich bin dabei, das Buch neu zu schreiben und habe bereits einen chinesischen Verlag dafür. Die völlig umgeschriebene Neuauflage bekommt den Titel „Faktor Fünf”. Ein Grund ist, dass man auf chinesisch das Wort Vier vermeiden sollte. Es klingt wie „sterben” und verheißt Unglück.
bdw: Nach Ihrem Bundestagsmandat sind Sie zurückgekehrt in die Wissenschaft und seit eineinhalb Jahren Dekan der Bren School of Environmental Science and Management der University of California in Santa Barbara. Was machen Sie dort?
Von Weizsäcker: Ich leite diese Graduiertenhochschule, muss Geld beschaffen und für Qualität sorgen. Überrascht hat mich hier die starke Betonung des Themas Naturschutz und die schwache Betonung der Themen Energie und Verkehr. Wir arbeiten daran, Letzteres zu verbessern.
bdw: Werden die USA dem Kioto-Protokoll denn noch beitreten?
Von Weizsäcker: Der Kioto-Zug ist abgefahren. Der Senatsbeschluss von 1997 – ein halbes Jahr vor der Kioto-Konferenz –, einem Protokoll nur dann beizutreten, wenn die großen Entwicklungsländer dabei sind, wurde von den Demokraten mitgetragen. Also muss man sich auf die Zeit ab 2012 konzentrieren und dafür China, Indien, Brasilien ins Boot holen. Hierfür ist die Bali-Konferenz Ende 2007 ein strategisch wichtiges Ereignis.
bdw: Welche Rolle spielen Umwelt- und Klimaschutz in der US-Marktwirtschaft der Gegenwart?
Von Weizsäcker: Kalifornien hat ein ehrgeiziges, mitteleuropäischen Standards entsprechendes Klimaprogramm beschlossen. Gouverneur Schwarzenegger und die Demokraten im Regionalparlament arbeiten gut zusammen. Einige Ost- und Westküstenstaaten ziehen mit. Dennoch: Der Klimaschutz ist trotz der jüngsten Ankündigung von Präsident Bush nicht das Lieblingsthema des Weißen Hauses, und weite Teile des Landes und der Wirtschaft sind ähnlich zurückhaltend. Es gibt aber erfreuliche Ausnahmen wie General Electric, Google oder Walmart. Ein Teil der negativen Haltung der amerikanischen Wirtschaft zum Umweltschutz hängt damit zusammen, dass die scharfen Umweltgesetze der Siebzigerjahre in Verbindung mit dem US-Rechtssystem, wo man um jeden zertretenen Kürbis einen Haftungsprozess anzetteln kann, viele Firmen schwer geschädigt oder in den Ruin getrieben haben.
bdw: Biosprit ist in den USA ein riesiges Thema geworden. Ist das die Zukunft?
Von Weizsäcker: Höchstens die Zukunft von Agrarstaaten wie Iowa. Ökologisch und sozial ist das eine Negativentwicklung. Auch wenn es den vom Unternehmen BP in einem Halbmilliardenprogramm geförderten Forschern gelingt, verholzte Pflanzenteile – also Lignozellulose – in Sprit zu verwandeln, ist das noch lange keine Garantie für eine ökologische Lösung. Ohne große Effizienzfortschritte beim Auto macht Agrosprit wenig Sinn.
bdw: Vor Jahren sagten Sie, dass es in den USA mindestens fünf Institute vom Zuschnitt des Wuppertal-Instituts gibt, in Deutschland aber kein weiteres. Nun steht Deutschland hinsichtlich
seiner Umweltevolution besser da als die USA. Weltführende Institute reichen nicht aus für eine gesellschaftliche Veränderung.
Von Weizsäcker: Ich dachte damals an Institute wie World Resources Institute, Resources for the Future oder die Energy and Resources Group in Berkeley. Dazu kamen viele andere, etwa seit 1998 das Pew Center for Global Climate Change. Die haben alle hervorragende Arbeit geleistet. Doch unter den Republikaner-Mehrheiten im Kongress von 1995 bis Ende 2006 blieb die politische Resonanz sehr bescheiden. Man muss sehen, dass der republikanische Vorsitzende des Senats-Umweltausschusses, James Inhofe, den Klimawandel als die größte Zeitungsente bezeichnet hat. Die neue Kongressmehrheit hat nun angefangen, das vorhandene Wissen systematisch zu nutzen. ■





