Vielfalt auf den zweiten Blick
Im Großen Torfmoor, unweit von Minden gelegen, sind solche Dramen Alltag. Wenngleich man schon Zeit mitbringen sollte und genau hinschauen muss. Denn auf den ersten Blick wirkt das Moor karg, eintönig, lebensfeindlich, langweilig. Polster aus Heide und Moos erstrecken sich über rund 470 Hektar, ein plattes Stück Land mit freier Sicht bis zum Horizont. Ein paar schwarze Wasserflächen blitzen hervor, am Rande wachsen Birken trotzig in den westfälischen Himmel. Alles in allem eher etwas für Fans dramatischer Krimis oder melancholischer Heimatdramen. Doch wer zu Boden blickt, sieht schnell, wie bunt und vielfältig die Lebensgemeinschaften sind. Denn es gibt nicht die eine spezifische Pflanzengesellschaft hier. Allein 13 Arten Torfmoose findet man. Und nicht nur die: Je nach Feuchtegrad stehen verschiedene Gräser, Blumen und kleine Sträucher beieinander. Viele sind echte Spezialisten. Wie der Wasserschlauch. 
Dass es das Moor überhaupt noch gibt, ist ein echter Glücksfall. „Es ist das größte und wichtigste Hochmoor in Nordrhein-Westfalen”, sagt Dirk Esplör von der Biologischen Station Minden-Lübbecke. „Die Geschichte begann während der Eiszeit”, erzählt er und der weiche Untergrund aus alten und neuen Pflanzen federt bei jedem Schritt seiner Gummistiefel. Damals verlief noch die Weser entlang des Wiehengebirges. Später suchte sie ein neues Bett und übrig blieb ein See, der verlandete, zum Niedermoor wurde und sich schließlich zum Hochmoor entwickelte. Eine klassische Karriere.
Westfälische Sturheit rettet das Moor
Lange wurde das Moor nicht weiter gestört und hatte genug Zeit, eine acht bis zehn Meter mächtige Torfschicht anzusammeln.Erst im 20. Jahrhundert legten die Bauern verstärkt Drainagen und Rohre ins Moor und gruben ihm so das lebenspendende Wasser ab. So konnten die mehr als 1000 Eigentümer der oft nur zehn Meter breiten Grundstücke jedes Frühjahr ihren Anteil vom Torf abstechen. Noch immer sieht man Spuren davon in der Landschaft. „Der Abbau war sehr kleinräumig und die Bauern hatten keinerlei Interesse, das Ganze profitabler zu gestalten, indem sie Flächen zusammenlegten oder gemeinsam ausbeuteten.” Sie buddelten lieber allein vor sich hin. Und so sorgte die Dickschädeligkeit der Westfalen dafür, dass es keinen industriellen Abbau gab und das Moor nicht ganz verloren ging. Doch auch die Beharrlichkeit der Naturschützer sorgte dafür, dass seit Ende der 70er Jahre das Große Torfmoor Stück für Stück wieder unter Wasser gesetzt wurde.
Heute gibt es deshalb viel zu sehen. „Kiebitze leben hier, aber auch Kraniche, Löffelenten, Zwergtaucher, Pirole, Neuntöter, Blaukehlchen, Schwarzkehlchen und wir haben mit mehr als 20 Brutpaaren ein großes Bekassinenbrutgebiet”, zählt Esplör auf. Im Frühjahr kann man sogar den Brachvogel flöten hören. Kein Wunder also, dass der Naturschutzbund NABU stolz auf dieses Kleinod ist. Der NABU war an der Rettung des Moores beteiligt und treibt weiterhin sehr aktiv dessen Entwicklung voran. „Sie haben das LIFE-Projekt zum Moor auf den Weg gebracht”, sagt Esplör. „Das heißt, es gibt auch europäische Fördermittel für den Schutz. Und wir arbeiten eng zusammen, wenn es um das weitere Vorgehen geht.”







