Immer mehr Frauen lassen Eizellen einfrieren, um später noch Kinder bekommen zu können. Doch das ist riskant.
Dunja F.* weiß, dass ihr Kinderwunsch groß sein wird, sobald sie wieder einen Freund hat. Möglich, dass er jünger sein wird als sie mit ihren 41 Jahren und dass er selbst auch noch keine Kinder hat. Kaum auszumalen, wie groß ihr Schmerz wäre, könnte sie dann nicht mehr schwanger werden.
In einem Café erzählt ihr ein Bekannter vom „Social Freezing” – dass man Eizellen einfrieren lassen könne, damit es mit dem Kinderkriegen später klappt – sogar noch mit 45, 50 oder gar 60. Dunja F. ist zunächst abgeschreckt, denn das Anlegen der „ Fruchtbarkeitsreserve” kostet viele Tausend Euro. Außerdem ist sie selbst Ärztin und findet, die biologischen Grenzen haben einen Sinn. Aber die Idee nistet sich in ihrem Kopf ein, und jeder Pendelschlag ihrer biologischen Uhr rührt daran.
In einem Kinderwunschzentrum erkundigt sich Dunja F. nach dem Verfahren. Am besten bekommt man Kinder mit 20 bis 25 Jahren, entgegnet die Frauenärztin brüsk. Sie misst den Wert des Anti-Müller-Hormons in Dunja F.s Blut. Er gibt Aufschluss über die Zahl der Eizellen, die jeden Monat reifen können. Der Wert ist auf dem Niveau einer 30-Jährigen. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liege bei 30 Prozent, teilt die Medizinerin mit. Dunja F. freut sich. Ihre Chancen auf ein Kind stehen höher als erwartet. Jetzt muss sie nur noch einen Arzt finden, der bereit ist, ihre befruchteten Eizellen nach dem 45. Lebensjahr zu implantieren.
Frank Nawroth ist Befürworter des Social Freezing. „Wenn das Alter passt, machen wir das”, sagt der Hamburger Reproduktionsmediziner, „mit 35, 36 oder 37 und wenn die Eierstöcke gut arbeiten.” Er befürworte aber eine Altersgrenze von 38 Jahren. Dunja F. behandelt er trotzdem. Warum? Weil sie es möchte und ihre Werte nicht schlecht sind, begründet Nawroth seine Entscheidung.
Kurz vor der Operation befällt Dunja F. ein leichtes Unbehagen. Jeder Eingriff unter Narkose ist ein Risiko, weiß die Ärztin. Außerdem ist das Verfahren neu und daher noch nicht häufig erprobt. Trotzdem geht sie in die Apotheke und besorgt sich Gonadotropine – Sexualhormone, die die Eizellreifung stimulieren.
Im letzten Jahr ist die Zahl der Frauen, die sich nach Social Freezing erkundigen, sprunghaft gestiegen: von 30 in 2012 auf 190 in 2013, heißt es im Register von Fertiprotekt, einem Netzwerk deutscher, österreichischer und schweizerischer Kliniken. In den USA ist man schon viel weiter. Die angesehene amerikanische Gesellschaft American Society for Reproductive Medicine, die sich mit Reproduktionsmedizin beschäftigt, hat Social Freezing im Oktober 2013 zur Standardbehandlung erklärt. Schauspielerin und Model Kim Kardashian hat in Talkshows ihre tiefgefrorenen Eizellen verteidigt und viele zum Nachahmen animiert.
Häufigster Grund: fehlender Partner
In den Industrienationen verschieben viele Paare ihre Familienplanung zunehmend nach hinten, da immer mehr Frauen Karriere machen. Sie studieren, absolvieren Aus- und Weiterbildungen. Viele schlagen sich durch eine Kaskade befristeter Stellen. Oft sind sie Ende 20, wenn sie ins Berufsleben einsteigen.
Viele Frauen denken erst an Kinder, wenn sie im Berufsleben angekommen sind. Doch schon ab dem 30. Lebensjahr nimmt die Fruchtbarkeit ab. Mit 40 sind etwa 17 Prozent der Frauen unfruchtbar. Fertiprotekt zufolge sind es zu drei Vierteln Akademikerinnen, die ihre Eizellen einfrieren lassen. Inzwischen übernehmen sogar die Firmen Apple und Facebook für ihre Mitarbeiterinnen die Kosten. Doch die meisten Frauen nennen als Grund nicht etwa die Karriere, sondern einen fehlenden Partner. Wie Dunja F. wollen sie sich die Möglichkeit für Nachwuchs über ihre biologische Grenze hinaus bewahren – für den Fall, dass der Richtige noch kommt.
Pikanterweise gab das italienische Embryonenschutzgesetz den Anstoß für das Social Freezing. Von 2004 bis 2009 war es in Italien verboten, mehr als drei Eizellen zu befruchten und einzusetzen. Doch nach der hormonellen Stimulation reifen ein Dutzend Eibläschen, die dann – außer besagten drei – ungenutzt blieben. „Dadurch entstand ein großer ökonomischer Druck”, erklärt Michael von Wolff, Reproduktionsmediziner am Inselspital in Bern. Verschiedene Teams wetteiferten, wie man die kostbaren Eizellen aufbewahren könnte. Das langsame Einfrieren konkurrierte mit einer Schockgefriermethode.
2010 entschied die Mannschaft um Laura Rienzi vom Zentrum für Reproduktive Medizin in Rom das Rennen für sich. Die Embryologin verwendete Frostschutzmittel, um Eizellen schockartig auf minus 196 Grad Celsius abzukühlen. So bilden sich keine scharfkantigen Eiskristalle, die die Zellen verletzen. Neun von zehn Eizellen überstehen das Auftauen. Das war der Durchbruch des Social Freezing. Heute haben rund 900 Kinder weltweit ihr Dasein der Schockgefriermethode zu verdanken. Etliche Mütter sind Krebspatientinnen und haben eine Fruchtbarkeitsreserve angelegt, da Strahlen- und Chemotherapie Eizellen zerstören.
Schockgefrorene Eizellen müssen mit einer Spritze künstlich befruchtet werden, weil ihre Zellmembran für Spermien nicht mehr durchlässig ist. Assistenten injizieren die Samenzelle mit einer feinen Na- del ins Zellinnere. „Interzytoplasmatische Spermieninjektion”, kurz ICSI, heißt diese Variante der künstlichen Befruchtung.
Bisher scheint es, als ob das Verfahren den Kindern nicht schadet. „Doch die Datenlage ist mager und Langzeiterfahrungen fehlen”, bedauert von Wolff. Die größten Risiken lauern aber an anderer Stelle. Künstlich gezeugte Kinder sind viel häufiger Zwillinge, was die Gesundheit der Mütter wie auch die der Babys beansprucht. Mit dem Alter der Frauen steigt zudem die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Fehlbildungen oder Erkrankungen wie das Downsyndrom. Auch das Risiko für Früh- und Fehlgeburten nimmt zu. Frauen, die sich für das Social Freezing entscheiden, sind im Schnitt bereits 38 und oft noch älter, wenn sie ihre eingefrorenen Zellen in Anspruch nehmen.
Mutter mit 60 Jahren?
Die Gefriertechnik wird den Trend zur späten Geburt verstärken, erwartet Francoise Shenfield, Gesundheitswissenschaftlerin vom University College London. Mütter mit 50 oder 60 Jahren werden ihrer Einschätzung nach in einigen Jahren nicht mehr für Gesprächsstoff sorgen.
„Das Social Freezing unterstützt die Gleichstellung”, lobt Shenfield. Schließlich löse die Eikonservierung die biologische Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern auf – dass „seine” biologische Uhr viel langsamer tickt als „ihre”. Männer können schon lange Samen tiefgefrieren lassen und spenden. Frauen ziehen jetzt beim Einfrieren nach – allerdings ist die Eizellspende in Deutschland, Österreich und der Schweiz bislang gesetzlich verboten.
Es gibt aber auch kritische Stimmen. Zu ihnen gehört die Schweizer Frauenärztin Dorothea Wunder. Sie fordert familiengerechtere Beschäftigungen für Frauen und bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Das Einfrieren von Eizellen werde diese Probleme nicht lösen. Es werde stattdessen nur neue Probleme schaffen, ist sie überzeugt.
Die Kirchen beklagen die zunehmende Kontrollierbarkeit der Menschwerdung: Es habe mit den Kondomen und der Pille angefangen, sich mit der Befruchtung im Labor fortgesetzt – und nun würde die Fruchtbarkeit bis ins Unnatürliche ausgedehnt. Sie fürchten die Entwürdigung des menschlichen Lebens. Mit Eizellen wird im Labor nicht anders hantiert als mit anderen Zellen. Wenn die Frau sie nicht in Anspruch nimmt, landen sie im Abfall. Reproduktionsmediziner sagen: „Die Eizellen werden verworfen.”
Shenfield, die das Einfrieren prinzipiell gutheißt, sieht die größten Probleme in der Praxis: „Die Frauen werden nicht immer richtig informiert.” So werben Reproduktionsmediziner gern mit der Schwangerschaftsrate – aber die ist viel höher als die Wahrscheinlichkeit, ein Kind zu bekommen. Das liegt daran, dass die Schwangerschaftsrate die Zahl der Fehlgeburten nicht berücksichtigt.
Das Geschäft mit dem Kinderwunsch
Auch Dunja F. wurde das Social Freezing mit einer 30-prozentigen Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft angepriesen. Doch die Aussicht auf ein Baby ist ab dem 40. Lebensjahr nur halb so groß, wie die Daten aus dem Deutschen Register für künstliche Befruchtung offenbaren. Was Dunja F. gekauft hat, ist also nur eine kleine Chance auf ein Kind – ohne Garantie. Über die Frauen, die mehrere Zehntausend Euro investiert haben und trotzdem kinderlos geblieben sind, sprechen die Kliniken nicht gern. Social Freezing ist eben ein Geschäft.
In den Kliniken hängen Glückwunschkarten mit Fotos von Neugeborenen. Oft sind es Zwillinge. Es ist Dunja F.s innigster Wunsch, eines Tages auch solche Zeilen schreiben zu können. Doch der Reproduktionsmediziner Frank Nawroth konnte ihr nach der hormonellen Stimulation nur drei unversehrte Eizellen entnehmen. Sechs waren gereift, doch die Hälfte von ihnen war unbrauchbar. Dunja F. ist enttäuscht. Sie hatte sich ausgerechnet, dass sie mindestens 10 bis 15 Eizellen bräuchte, um ihre Chance auf ein Kind in eine realistische Größenordnung zu bringen.
Nun überlegt sie wieder, ob sie die biologischen Grenzen akzeptieren soll. Oder ob sie weiterhin versuchen soll, sie durch Eingriffe zu überwinden. 3500 Euro hat die Ei-Entnahme samt Gefriermiete sie bereits gekostet. Dunja F. sagt: „Jetzt habe ich schon so viel Geld, Zeit und Mühe hineingesteckt. Nun will ich das auch zu Ende bringen.” Aber erst einmal braucht sie eine Pause. Bedenkzeit. •
Susanne Donner bedauert es, dass manche Kinderwunschkliniken ihre Klienten nicht ehrlich informieren.
von Susanne Donner
Kompakt
· Die Zahl der Frauen, die eingefrorene Eizellen als teure Fruchtbarkeitsreserve anlegen lassen, ist sprunghaft gestiegen.
· Reproduktionsmediziner preisen dieses Social Freezing mit der hohen Schwangerschaftsrate an.
· Doch die Chance der Frauen auf ein Kind ist in Wirklichkeit gering: Es gibt sehr viele Fehlgeburten.





