Bei Synästhetikern folgt die Verbindung von Buchstaben oder Zahlen mit Farben einem klaren Muster: Je häufiger ein Buchstabe benutzt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass er beim Betrachten einen Farbeindruck hervorruft. Bei einem “E” oder einem “S” sehen daher fast alle Synästhetiker eine Farbe, während ein “Q” oder ein “X” nur selten dieses Phänomen hervorruft. Das haben amerikanische Neurowissenschaftler gezeigt, als sie die Sinnesreizkombinationen bei über tausend Synästhetikern untersuchten. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen von diesem Trend, entdeckten die Forscher: Die Buchstaben “I” und “O” haben trotz ihres häufigen Gebrauchs bei überdurchschnittlich vielen Synästhetikern keine Verbindung zu einer Farbe.
Bei Synästhesie verknüpft das Gehirn zwei Sinneseindrücke miteinander, die eigentlich unabhängig voneinander sind. So gibt es beispielsweise Synästhetiker, die beim Hören von Tönen Farben sehen oder bestimmte Düfte riechen. Die häufigste Form ist jedoch die, bei der Buchstaben, Zahlen oder Wörter mit bestimmten Farben verknüpft sind.
Dabei gibt es anscheinend generelle Regeln, denen das Gehirn beim Verknüpfen von Symbol und Farbe folgt, zeigt nun die statistische Auswertung von David Eagleman vom Baylor College für Medizin in Houston und seinen Kollegen. Eine Sonderstellung nehmen dabei neben “I” und “O” lediglich noch die Zahlen “1” und “0” ein, die ebenfalls ungewöhnlich selten mit Farbeindrücken assoziiert sind. Eagleman vermutet, dass das an der Form dieser vier Zeichen liegen könnte: Da Striche und Kreise natürliche Formen sind, mit denen das Auge schon vor dem Erlernen abstrakter Symbole wie Buchstaben und Zahlen vertraut ist, werden sie nicht in das synäthetische System integriert.
Gestützt wird diese These durch eine Untersuchung an chinesischen Synästhetikern: Sie sehen beim Anblick des chinesischen Zeichens für “0”, einem sehr komplexen Symbol, sehr häufig Farben. Die beiden Zahlen “1” und “10” hingegen, die durch eine einzelne Linie und ein Kreuz dargestellt werden, sind ebenso selten mit einem Farbeindruck verknüpft wie “I” und “O” in Eaglemans Studie. Der Forscher will nun untersuchen, welche Vorgänge im Gehirn für diese Sinneskopplung verantwortlich sind und wie sie vererbt werden. Erste Hinweise darauf hat ihm seine Untersuchung bereits geliefert: Er konnte einen Bereich auf dem langen Arm von Chromosom 16 identifizieren, der bei der familiären Häufung von Synästhesien eine Rolle zu spielen scheint.
New Scientist, 17. November, S. 16 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





