Durch schmelzende Gletscher und Eisschilde sorgt der Klimawandel weltweit für steigende Meeresspiegel. Bei den Binnengewässern passiert genau das Gegenteil: Sie schrumpfen, weil sie durch steigende Temperaturen schneller verdunsten. Durch zurückgehende Niederschläge und abnehmenden Zulauf aus Flüssen fehlt ihnen zudem der Wassernachschub. Das bekannteste Beispiel für ein schrumpfendes Binnengewässer dürfte der Aralsee sein. Der einst viertgrößte See der Welt hat bereits über 90 Prozent seines ursprünglichen Volumens eingebüßt. Und auch das Kaspische Meer, der aktuell größte Binnensee der Erde, verschwindet langsam.
Bis zu 21 Meter Wasserspiegel in Gefahr
Forschende um Rebecca Court von der University of Leeds haben nun ermittelt, wie stark der Wasserstand des Kaspischen Meeres in den nächsten Jahrzehnten sinken wird. Die ernüchternde Antwort: erheblich. Selbst wenn es gelänge, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, würde der Wasserspiegel des zentralasiatischen Binnengewässers bis zum Jahr 2100 um fünf bis zehn Meter fallen, wie das Team herausgefunden hat. Überschreiten wir die zwei Grad Erwärmung, könnte der Pegel des Kaspischen Meeres sogar um bis zu 21 Meter sinken.
„Selbst in einem optimistischen Szenario für die globale Erwärmung würden unseren Ergebnissen zufolge bei einem Rückgang des Wasserspiegels um zehn Meter 112.000 Quadratkilometer trockenfallen – eine Fläche, die größer ist als Island“, berichtet Co-Autor Thomas Wilke von der Universität Gießen. „Das ist dramatisch, da sich viele der ökologisch und ökonomisch wichtigsten Gebiete in den von der Austrocknung betroffenen Bereichen befinden.“ Unter anderem könnten durch den sinkenden Wasserpegel die Fortpflanzungsgebiete der stark gefährdeten Kaspischen Robbe und die Laichplätze von sechs ebenfalls bedrohten Störarten verloren gehen. Auch Lagunen und Schilfgebiete, die Zugvögeln aktuell noch als wichtiger Rastplatz auf ihren Reisen dienen, könnten trockenfallen, wie die Forschenden berichten.
Dringendes Handeln gefordert
Doch nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen der Region wäre der Rückgang des Kaspischen Meeres eine Katastrophe. Court und ihr Team befürchten etwa, dass der freigelegte Seeboden mit gesundheitlich bedenklichen Schadstoffen aus der Erdölförderung verunreinigt sein könnte. Wirtschaftlich betrachtet drohen durch den sinkenden Wasserspiegel Ernteausfälle und Einschnitte in Sachen Handel und Schifffahrt. Denn Häfen, Ortschaften und Industrieanlagen einiger Anrainerstaaten könnten in Zukunft mehrere Kilometer von der Küste entfernt liegen.
„Es ist dringend notwendig zu handeln, um die Auswirkungen auf Natur, Menschen und Wirtschaft zu mildern“, betont Wilke. „Dabei müssen die Regierungen der Anrainerstaaten gemeinsam handeln. Auch internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft sollten involviert werden, um die enormen Herausforderungen zu bewältigen und die Zukunft des Kaspischen Meeres zu sichern.“





