Den Anfang machte im Jahr 2003 die Bauchige Windelschnecke, auf sie folgte dann jedes Jahr eine weitere Schnecken-, Muschel- oder Kopffüßer-Art, die zum Weichtier des Jahres erklärt wurde. Mit dem Titel wollen die Initiatoren der Aktion auf die Bedeutung dieser oft wenig beachteten Lebewesen sowie auf die Bedrohung vieler Arten aufmerksam machen. Bei der Wahl zum Weichtier des Jahres sorgen die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die internationale Gesellschaft für Molluskenforschung seit vergangenem Jahr für eine breite Basis: Zunächst werden Wissenschaftler und auch Laien aufgerufen, Weichtiere zu nominieren. Aus den Vorschlägen wählt das Kuratorium dann fünf Finalisten-Arten aus, für die anschließend online gestimmt werden kann.
Farbenprächtige Zwitter
Auf diese Weise gingen in diesem Jahr aus insgesamt knapp 50 Nominierungen die Kubanischen Landschnecken (Polymita picta) als Siegerinnen hervor. Diese zwei bis drei Zentimeter großen Verwandten unserer europäischen „Häuschen-Schnecken“ kommen entlang eines schmalen Küstenstreifens im Osten Kubas vor, wo sie sich von Moosen und Flechten auf Baumrinden ernährt. Wie andere Vertreterinnen der Landschnecken ist auch Polymita picta zweigeschlechtlich: Die Tiere sind gleichzeitig männlich und weiblich, ohne sich aber selbst befruchten zu können. Sie sind deshalb auf eine Paarung angewiesen. Das „Liebesspiel“ der Kubanischen Landschnecke umfasst dabei einen skurril wirkenden Aspekt, der auch von anderen Landschnecken-Arten bekannt ist: Sie rammen ihren Partnern ein pfeilförmiges Kalkgebilde in den Fuß. Man nimmt an, dass dabei Sexualhormone übertragen werden, die dem Fortpflanzungserfolg dienen.
Trotz ihres kleinen Verbreitungsgebiets war die Kubanische Landschnecke schon vor der Wahl eine vergleichsweise prominente Art: Durch ihre strahlend schönen Häuschen mit hellen und dunklen Bänderungen gilt sie als eine der schönsten Schnecken der Welt. Das besondere ist dabei, dass die Tiere innerhalb der Art viele unterschiedliche Farbvariationen und Muster aufweisen: Die Palette reicht von fast weiß über gelb und orange bis zu rötlich und dunkelbraun. Die Schönheit wird der Art allerdings zum Verhängnis: Obwohl offiziell verboten, werden die Schnecken gesammelt und ihre Schalen an Touristen verkauft oder ins Ausland verschickt. Zudem ist der Lebensraum der Kubanischen Landschnecke bedroht, sodass sie mittlerweile als kritisch gefährdet eingestuft wird.
Titel mit Sequenzierung als Auszeichnung
Nominiert wurde die Art von Bernardo Reyes-Tur von der Universidad de Oriente in Santiago de Cuba. Unterstützt wurde er dabei von Angus Davison von der University of Nottingham. “Wir freuen uns sehr, dass diese wunderschöne Schnecke zum Weichtier des Jahres 2022 gekürt wurde. Das Prestige wird Aufmerksamkeit auf sich ziehen und den Schutzbemühungen weiteren Auftrieb geben“, hofft Davison. “Außerdem wird der mit der Wahl verbundene Preis – die vollständige Genomsequenzierung – es uns ermöglichen, mit der Erforschung der Biologie dieser Schnecke zu beginnen“. Mit dieser Aufgabe wird sich nun das LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik in Frankfurt am Main beschäftigen. „Wir freuen uns, dass mit der Kubanischen Landschnecke eine sehr interessante Weichtier-Art ausgewählt wurde“, sagt Laborleiterin Carola Greve. „Bei den Weichtieren gibt es bisher nur wenige Arten, deren Genom vollständig sequenziert wurde – und das, obwohl sie nach den Gliederfüßern den zweitgrößten Tierstamm bilden“, betont Greve.





