Vor den Westhängen der Rhön, unweit von Fulda. Das Unwetter der vergangenen Nacht hat den Fluss Haune anschwellen lassen. Dunkel die Fluten, über die Aue streicht der Wind, mannshoch das Gras. „Pass auf, dass Du nicht in die Biberbauten einbrichst!“ Harald Auth und Reiner Mengel sind Angler und auf dem Weg zu ihren…
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Text: Oliver Abraham
Vor den Westhängen der Rhön, unweit von Fulda. Das Unwetter der vergangenen Nacht hat den Fluss Haune anschwellen lassen. Dunkel die Fluten, über die Aue streicht der Wind, mannshoch das Gras. „Pass auf, dass Du nicht in die Biberbauten einbrichst!“ Harald Auth und Reiner Mengel sind Angler und auf dem Weg zu ihren Reusen am Fluss. Sie sind zudem ehrenamtliche Gewässerwarte und Mitarbeiter eines ökologischen Projektes: Der heimische, seltene und bedrohte Flusskrebs wird wieder angesiedelt. Den gibt es in der Rhön noch – den heimischen, den ursprünglichen; ihn gilt es zu schützen und zu unterstützen. Vor allem aber gibt es inzwischen eine invasive Art, den Signalkrebs; davon reichlich, der muss weg. Deshalb haben die beiden Männer aus Margrethenhaun gestern Abend die Reusen ausgelegt. Um abzufangen, was abzufangen ist.
Der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) ist ursprünglich nicht in Europa heimisch. Im 19. Jahrhundert wurde er aus Nordamerika als Nahrungsergänzung für Menschen in Nordeuropa eingeführt. In Hessen erfolgte die Ersteinfuhr Anfang der 1970er-Jahre. Früher war der Europäische Flusskrebs (Astacus astacus), der „Edelkrebs“, hierzulande in fast allen Bächen verbreitet. Doch Gewässerverunreinigungen, Gewässerausbau und eine durch die fremde Art eingeschleppte Krankheit haben die Bestände des Edelkrebses in Deutschland fast ausgerottet.
Aggressiver Neuling
„Die Signalkrebse können Sporen der sogenannten Krebspest tragen, müssen es aber nicht“, sagt Harald Auth. „Für den Menschen sind sie ungefährlich, für den Edelkrebs aber tödlich.“ Die beiden Angler und Gewässerwarte werden an diesem Morgen von Joachim Walter begleitet. Er ist Ranger im Biosphärenreservat Rhön und für das Flusskrebsprojekt zuständig. Walter ergänzt: „Der Signalkrebs legt in der Regel doppelt so viele Eier wie der Edelkrebs, ist aggressiver und im Jahresverlauf schon früher im Gewässer aktiv. Er wurde als Speisekrebs eingeführt – ohne zu wissen, dass er als Nahrungskonkurrent und Krankheitsüberträger den Edelkrebs auf die Rote Liste bringt.“
Am Ufer der Haune stehen Schwarzerlen, Licht flirrt durch das Blätterdach und glitzert über die seltsam still strömende Flut. Harald Auth drückt die Äste weg. Wo ist die Reuse bloß? Licht fällt ins Zwielicht und verliert sich im Wasser, zu erkennen ist die Reuse in der Tiefe. Auth zieht sie hoch, Reiner Mengel zückt das Notizbrett. Als die Reuse sich öffnet, fallen die Krebse in den Eimer, allein hier sind es mehr als 50. Es knistert, raschelt und knirscht. Die invasiven Krebse sind rostbraun-oliv. Und sie sind wehrhaft, greifen mit ihren Scheren nach allem, was sich bewegt – auch vor Harald Auths Finger schrecken sie nicht zurück. So einen Krebskniff spürt man nicht nur, der tut weh.
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An diesem Morgen messen die Angler Brustpanzer von acht Zentimeter Breite. Es gibt Krebse mit einer Länge von über 20 Zentimetern, gemessen vom Kopf- bis zum Schwanzende, da sind die Scheren noch nicht inbegriffen; sie sehen aus wie kleine Hummer. Sechs Reusen haben Auth und Mengel noch, 177 Krebse werden sie am Abend gezählt haben, gute vier Kilogramm bringen sie zusammen auf die Waage. So viele heute, das ist kein gutes Zeichen. Denn es sind alles solche der invasiven Art. Kein einziger Edelkrebs war dabei.
„Es geht darum, zumindest die Bäche freizuhalten, die in die Haune münden“, sagt Harald Auth. „Sie von der Krankheit, die diese fremden Krebse einschleppen, freizuhalten. Und den heimischen Edelkrebs davor – vor seiner endgültigen Ausrottung in der Rhön – zu schützen. Es ist eine Sisyphusarbeit.“ Allein an diesem Morgen schleppen sie zwei volle Eimer vom Fluss fort. Ist eine solche invasive Art einmal gefangen, darf sie nicht mehr in die Natur zurück. Zuhause: ausgemessen, aufgegessen. Schmecken tun sie gut.
Wiederansiedlungsversuche
Längst wird in Mitteleuropa versucht, den Edelkrebs wieder anzusiedeln. Dort, wo ihm keine Gefahren drohen: wo die Bäche reich sind an Struktur und nahezu natürlich. Dort, wo es noch keine Signalkrebse gibt. Dort geht es ganz gut. Diese eingeschleppte Art kam zu ihrem Namen, weil sie an den Scherengelenken einen hellen, unverwechselbaren Signalfleck hat. Man kann diesen Fleck schon vom Flussufer aus erkennen, wenn man den Krebs im Gewässer laufen sieht.
Joachim Walter fährt als nächstes in die Berge, zu einem Bach, wo es gut läuft für den Edelkrebs. Walter ist Ansprechpartner für die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Gewässerwarte aus den Angelsportvereinen. Er plant Schulungsabende. Er koordiniert Maßnahmen. Er sammelt Daten, die von Christoph Dümpelmann, einem selbständigen Gewässerbiologen, der mit dem Biosphärenreservat bei dessen Artenschutzprojekten in Fließ- und Stillgewässern zusammenarbeitet, gesammelt und aufbereitet werden. Walter weiß, wo die Edelkrebse sind. Er öffnet einen Styroporkarton, darin schwimmen drei der Tiere. Sie werden nun entlassen.
Der Ranger geht über eine Waldweide hinunter zum Igelbach, bald ist das leise Plätschern des Wassers zu hören.„Bis ins Jahr 2012 haben wir jährlich 6000 bis 7000 Jungkrebse ausgesetzt. Jetzt tun wir das kaum noch. Wir schauen, wie es sich entwickelt“, sagt Walter und schlägt sich unter den Erlen und Hainbuchen runter zum Bach. „So ein Projekt muss ein Selbstläufer werden, das muss sich nun von allein entwickeln, sonst macht es keinen Sinn. Natürlich justieren wir hier und dort noch nach.“ Trotz sommerlicher Trockenheit fließt der Igelbach munter über die Steine in seinem Bett, es ist schattig und kühl. Schotter, offene Stellen im Wasser, ausgekolkte Löcher.
Ein typisches Edelkrebs-Habitat: Tagsüber versteckt sich der Krebs in Höhlen – unter Steinen und Wurzeln, an der Böschung, deshalb müssen Krebsgewässer strukturreich sein. Nachts verlässt er sie, um auf die Jagd zu gehen. Flusskrebse fressen sowohl Pflanzen als auch Schnecken, Larven, Würmer und frisch verendeten Fisch. Auch vor Artgenossen machen sie nicht Halt, wenn der Bestand zu dicht wird. Die Flusskrebse können bis zu 20 Jahre alt werden und bis zu 20 Zentimeter lang.
Heikle Jugendphase
Immer wieder muss der Krebs sich häuten. Diese Phasen – im ersten Lebensjahr bis zu zehn Mal – sind gefährlich für das Tier, es wird dann oft selbst zur Beute. Nur die wenigsten Krebse erreichen überhaupt die Geschlechtsreife. Auch deshalb wird über mehrere Jahre an geeigneten Stellen immer wieder neu besetzt, um auf diese Weise einen stabilen Bestand aufzubauen. Die ausgesetzten Tiere stammen aus Zuchtbetrieben in Deutschland.
Die Initiative in der hessischen Rhön begann im Jahr 2004 und ist eine Kooperation zwischen der Oberen Fischereibehörde, dem Biosphärenreservat Rhön, den örtlichen Angelvereinen und dem Gewässerbiologen Christoph Dümpelmann. „Ohne die ehrenamtlichen Krebs- und Gewässerwarte, die die Gewässer so gut kennen wie wohl niemand sonst, wären die Projekte nicht möglich“, sagt Biosphärenreservat-Ranger Walter. „Als wir anfingen, fragten wir uns: Gibt es überhaupt noch Edelkrebse? Wir mussten erst einmal schauen, wo überhaupt noch welche sind. Die Angler wussten das.“
Immer wieder hinsehen, den Bach im Blick behalten. Darum geht es, ohne das geht es nicht – und die Angler tun dies ohnehin. Diejenigen Gewässer, die mit dem Edelkrebs besetzt sind, werden immer wieder kontrolliert. Zum Beispiel durch Nachtbegehungen. „Wenn wir im Dunklen am Bach entlanggehen und mit der Taschenlampe ins Gewässer leuchten, dann können wir sie sehen, dann leuchten ihre Augen wie zwei Leuchtdioden“, erzählt Walter. „Im Frühsommer achten wir besonders auf eiertragende Weibchen. Finden wir sie, dann sehen wir, dass sie sich erfolgreich vermehren.“ An sonnigen Tagen wie heute wiederum trägt er auch im Schatten eine Sonnenbrille. Wegen der Spiegelungen des Sonnenlichts auf dem Wasser – so sieht er klarer, was im Bach ist.
Die Edelkrebs-Initiative lief gut an. Schon vier Jahre nach der ersten Besatzmaßnahme im Fließgewässer konnten dort Weibchen mit Jungtieren am Hinterleib festgestellt werden. Dennoch ist es ein Unterfangen, das allen Beteiligten Geduld abverlangt. „Ziel ist es, möglichst viele und sich langsam reproduzierende Bestände zu etablieren“, erklärt Walter. „Das funktioniert nicht so schnell wie erhofft und gedacht. Aber solche Projekte brauchen eben ihre Zeit.“ Die ursprüngliche Art in der gesamten Rhön wieder flächendeckend zu etablieren, betrachten selbst die Beteiligten als Illusion. „Die Verbreitung der invasiven Art verhindert das“, so der Ranger. „Aber es besteht immerhin die Möglichkeit, den Fortbestand der heimischen Art, die Existenz dieses ursprünglichen Lebewesens in der Rhön zu bewahren.“ Einen kleinen Schritt auf diesem Weg geht Joachim Walter nun: Er setzt einige junge Edelkrebse aus. Die Tiere krabbeln über die Steine ins Wasser und tauchen unter. Tasten mit Fühlern und Scheren. Suchen Schutz zwischen Steinen.
Wo der Signalkrebs bereits ist oder demnächst hingelangen könnte, brauchen Walter und seine Kollegen gar nicht erst Edelkrebse aussetzen – sie würden es nicht lange überleben. Inzwischen haben die Fachleute einen (fast) kompletten Überblick über die Krebsvorkommen in der hessischen Rhön. Fazit: Es gibt Bäche mit guten Chancen einer Wiederansiedlung. Und: Es muss mancherorts dringend etwas getan werden, um die Ausbreitung der invasiven Art zu stoppen. Vor allem die Flüsse Lütter, Ulster und Haune sind mit dem Signalkrebs stark besiedelt. Je weiter man aber in die Oberläufe der Nebengewässer geht, desto größer ist die Chance, dass dort noch keine sind und dass die Bäche in natürlichem Zustand fließen – optimale Zustände, wenn der Invasor nicht wandern würde. Im Oberlauf der Bäche auf die fremde Art zu treffen, ist unwahrscheinlich. Unmöglich ist es nicht.
Beispiel Haune, ein Nebenfluss der Fulda: Reiner Mengel und Harald Auth, die ehrenamtlichen Gewässerwarte und Edelkrebsschützer, bereusen regelmäßig einen Gewässerabschnitt an diesem Fluss. Die Signalkrebse haben sich in den vergangenen Jahren massiv in der Haune ausgebreitet. Auth und Mengel finden sie längst auch schon in der Wanne, die in die Haune mündet. Vor fünf Jahren haben die Gewässerwarte den Signalkrebs dort erstmals nachgewiesen. Damals fanden sie noch beiden Arten – inzwischen sind es nur noch Signalkrebse. Damit sind alle Bemühungen, den Edelkrebs wieder in der Wanne zu etablieren, umsonst gewesen.
Hoffnung für den Igelbach
Wird der Invasor jetzt nicht in der Wanne gestoppt, ist der Bestand des Edelkrebses im Igelbach – wo ein Wiederansiedlungsprojekt von großem Erfolg gekrönt war – akut gefährdet. Noch gibt es Hoffnung. Die Projektbeteiligten haben im Igelbach bislang keine Signalkrebse gefunden. Und: Das jährliche Monitoring der Edelkrebse zeige, dass sich der Bestand im Igelbach inzwischen etabliert habe und sich sogar reproduziere, erklärt Ranger Joachim Walter. „Die Edelkrebse haben sich inzwischen sogar flussabwärts ausgebreitet – bis rund 200 Meter vor der Einmündung in die Wanne.“ Dort aber lauert der Eindringling. Den Signalkrebs wegzufangen, so gut es geht, ist eine Möglichkeit, man werde sich nun erstmal darauf konzentrieren.
Die andere mögliche Maßnahme kostet viel Geld, braucht viel Geduld für die Genehmigung und ist wartungsintensiv: Eine Krebssperre könnte eingerichtet werden: „Einer Expertise zufolge wäre die im Igelbach unmittelbar oberhalb seiner Einmündung in Form eines Betonwehres mit Edelstahlauskleidung machbar“, erklärt Walter. „Der Bach ist dort bereits durch bauliche Maßnahmen verengt und eine Durchlässigkeit für Fische ist umsetzbar.“ Bis es einmal so weit ist, wird versucht abzufangen, was an Krebseindringlingen abzufangen ist. „Das müssen wir hier und jetzt intensiv und regelmäßig tun.“
Rund drei Kilometer unterhalb der Stelle, wo er eben Edelkrebse ausgesetzt hat, wird der Biosphärenreservat-Ranger nachdenklich. „Dass wir in der Mündung des Igelbaches noch keinen Signalkrebs gefunden haben“, sagt er, „heißt nicht, dass es ihn hier nicht doch gibt.“ Seit fast 20 Jahren existiert das Edelkrebsprojekt in der Rhön, um diese beinahe verschwundene Tierart wieder heimisch zu machen. Und, ja, das hat dem Krebs ein Comeback ermöglicht, er hat sich an manchen Stellen wieder etabliert. Auch wegen ortskundigen, rührigen Leuten wie Harald Auth und Reiner Mengel. Erste Erfolge haben sich eingestellt. Zu Ende aber wird diese Arbeit wohl niemals sein.
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