Wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, etwa bei der Verteilung von Snacks, dann zeigen wir das meist deutlich. Wir beschweren uns oder verzichten auf die trockene Salzstange, wenn unser Gegenüber stattdessen ein Stück Sahnetorte bekommen hat. Bei Tieren wurde in Experimenten häufig ein ähnliches Verhalten beobachtet. Erhält ein Artgenosse für dieselbe Leistung eine bessere Belohnung, dann verzichtet das Versuchstier häufig „aus Protest“ auf die eigene. Doch bedeutet das wirklich, dass Tiere sich im Vergleich zu ihren Artgenossen ungerecht behandelt fühlen können?
Unbefriedigende Hebeltricks
Um das herauszufinden, haben Forschende um Rowan Titchener vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen verschiedene Verhaltensexperimente mit Javaneraffen durchgeführt. Das Grundprinzip: Die Tiere mussten an einem Hebel ziehen und wurden dafür mit minderwertigem Futter belohnt. Es lagen zwar auch hochwertige Belohnungen sichtbar bereit, doch die waren für die Affen unerreichbar. An zwei Stellen ließ sich der Versuchsaufbau variieren. So kam das minderwertige Futter entweder aus einem Automaten oder es wurde den Affen von einem menschlichen Trainer überreicht. Außerdem waren die Tiere entweder alleine oder in Sichtweite eines Partners, der für den Hebeltrick allerdings mit hochwertigem Futter belohnt wurde.
Titcheners Team beobachtete, wie die Affen auf die Situation reagierten – ob sie etwa das minderwertige Futter verweigerten, wenn sie sahen, dass ihre Kollegen bessere Belohnungen bekamen. Auf diese Weise konnten die Forschenden drei gängige Hypothesen testen, die das augenscheinliche tierische Gerechtigkeitsempfinden früherer Experimente erklären sollen. Die erste besagt, dass Tiere das minderwertige Futter verweigern, weil sie sich in einem menschlichen Sinne ungerecht behandelt fühlen und protestieren. Die zweite geht davon aus, dass die Tiere besseres Futter erwartet hatten und das schlechtere deshalb verschmähen. Die dritte Hypothese beruht auf sozialer Enttäuschung. Die Tiere fühlen sich von ihrem Trainer „betrogen“, weil sie von ihm bessere Snacks gewohnt sind.
Anderes Gerechtigkeitsempfinden als bei uns
Das Ergebnis: Wenn die minderwertige Belohnung aus dem Automaten kam, verweigerten die Javaneraffen sie so gut wie nie. Überreichte allerdings ein Trainer ihnen das Futter, dann verschmähten sie es in über 20 Prozent der Fälle. Daraus schließen Titchener und ihre Kollegen, dass die Affen enttäuscht von ihrem Trainer waren, weil er sich bewusst dazu entschieden hatte, ihnen eine schlechtere Belohnung zu geben. „An einen Automaten richten die Affen keine sozialen Erwartungen und werden daher auch nicht enttäuscht“, erklärt Titchener. Das Verhalten der Affen lässt sich laut Forschenden also am besten durch die dritte Hypothese, die der sozialen Enttäuschung, erklären.





