In der Diskussion um die Vererbbarkeit von Intelligenz liefert Dennis Garlick von der Universität Sydney in einem Zusammenfassenden Artikel in der Zeitschrift Psychological Review (Januar-Ausgabe) einen neuen Aspekt. Er hat 124 Studien zu der Frage analysiert und kommt zu dem Schluss, dass die unterschiedlichen Überzeugungen zu einem Model verknüpft werden können. Dieses Model beschreibt die Entwicklung von mentalen Fähigkeiten durch von der Umwelt ausgelöste Änderungen angeborener neuronaler Verbindungen.
Einige Psychologen und Neurowissenschaftler glauben, dass intellektuellen Fähigkeiten Verknüpfungen im Gehirn zu Grunde liegen, die Umwelteinflüsse zur Entwicklung benötigen und veränderbar sind. Andere Wissenschaftler sind hingegen der Meinung, dass es einen generellen Intelligenzfaktor g gibt, der weitestgehend angeboren und kaum veränderbar ist. Garlick fasst die beiden entgegengesetzten Meinungen zu dem so genannten “neuronalen Plastizitätsmodel der Intelligenz” zusammen. Danach ist die Kapazität der neuronalen Verknüpfungen angeboren, doch wird die Entwicklung und Ausbildung der Intelligenz von äußeren Einflüssen bestimmt. Dies belegen auch von Garlick ausgewertete aktuelle Forschungsergebnisse. Unterschiedliche intellektuelle Fähigkeiten benötigen unterschiedliche neuronale Verbindungen im Gehirn. Der einzige Mechanismus, der diesen Verbindungen jedoch erlaubt sich auszubilden, sind Anpassungsmechanismen als Antwort auf Einflüsse von Außen.
Der Vorschlag widerspricht nicht der Vorstellung eines allgemeinen Maßes von Intelligenz. Ein allgemeiner Intelligenz-Faktor, der bezeichnet, in wie weit sich Personen in ihren Fähigkeiten unterscheiden, würde die sich an die Umwelt anpassenden neuronalen Verbindungen limitieren. Dies würde beispielsweise erklären, warum Personen, die unter ähnlichen Bedingungen aufwachsen, unterschiedliche intellektuelle Fähigkeiten haben können.
Nicole Waschke





