Text: Marlena Wegner
Es ist Hochsommer im Jahr 2011; Vögel zwitschern, die Sonne fällt durch das Blätterdach. Volker Dohm steht im Aachener Wald, plötzlich steigt ihm ein leicht süßlicher Geruch in die Nase. Für Dohm ist er unangenehm, die Bienen jedoch scheinen ihn zu lieben. Der Duft stammt von meterhohen, rosa blühenden Pflanzen, die sich überall ausgebreitet haben. Auf den ersten Blick wirken sie dekorativ, fast idyllisch. Doch für Dohm sind sie das „Gegenteil von biologischer Vielfalt“, es handelt sich nämlich um das invasive Drüsige Springkraut, das aus dem Himalaya stammt und hierzulande heimische Arten verdrängt. Gemeinsam mit seinem Sohn startet Dohm damals eine erste, private Rupf-Aktion. Was als spontane Reaktion beginnt, wird zu einem langfristigen Engagement: Heute leitet Volker Dohm die Springkrautbekämpfung beim Naturschutzbund Deutschland (NABU).
Das Drüsige Springkraut wächst schnell, wird über zwei Meter hoch und nimmt anderen Pflanzen das Licht. Es wirkt vielerorts längst heimisch. Dabei wurde die Pflanze erst vor etwa 150 Jahren aus dem Himalaya nach Europa eingeführt – zunächst als Zierpflanze. Seither hat sie sich entlang von Flüssen, Verkehrswegen und Siedlungen ausgebreitet, den Oberrhein zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht und ist heute in weiten Teilen Europas etabliert. Das Drüsige Springkraut ist eine invasive Art. Es ist in ein neues Gebiet gelangt, hat sich dort festgesetzt, stark verbreitet, einheimische Arten verdrängt und das natürliche Gleichgewicht gestört.
„Die meisten invasiven Arten wurden durch den Menschen verschleppt”, erklärt Florian Altermatt, Professor für Aquatische Ökologie an der Universität Zürich und dem Wasserforschungsinstitut Eawag. Neben dem Drüsigen Springkraut führt er noch Staudenknöterich, die Quagga-Muschel und den Buchsbaumzünsler als Beispiele auf. „Global betrachtet zählen invasive Arten zu den fünf wichtigsten Treibern des Biodiversitätsverlustes“, betont Altermatt – neben Lebensraumzerstörung, Verschmutzung, direkter Ausbeutung natürlicher Ressourcen und dem Klimawandel. Volker Dohm weiß nach seiner privaten Rupf-Aktion: Alleine kann er nichts ausrichten, also braucht er belastbare Daten, die andere überzeugen. Er fasst einen Entschluss: Im September 2011 durchstreift er drei Wochen lang systematisch den gesamten Aachener Wald, kartiert die Bestände des Drüsigen Springkrauts, dokumentiert Standorte, Ausdehnung, Dichte. Es entsteht eine Bestandsaufnahme – nüchtern, präzise, unwiderlegbar: In allen kartierten Gebieten finden sich „sehr große“ Springkraut-Bestände, an manchen Stellen bedecken sie über mehrere Quadratmeter hinweg den ganzen Boden. Mit diesen Unterlagen wendet er sich an den NABU Aachen. Bald wird aus der Sorge des Spaziergängers Dohm ein strukturiertes Naturschutzprojekt beim NABU. Was Dohm damals höchstens ahnt: Das Drüsige Springkraut lässt nicht nur die Vegetation in Wäldern und an Bachufern verarmen, weil es sich überall ausbreitet. Seine Wirkung reicht weit über das Ökosystem, in dem es wächst, hinaus.





