Text: Kurt de Swaaf
Dem Nachwuchs machen sie durchaus Freude. Wer mit Kindern irgendwo am Rheinstrand spazieren geht, stößt meist schon bald auf diese daumenkuppengroßen, beige-gelb grünlichen Muschelschalen. Klar, dass einige (oder ziemlich viele) davon umgehend in die Hosen- und Jackentaschen der Kleinen gestopft werden. „Die glänzen so schön!“ Fachleute sind jedoch weniger begeistert. Schließlich gelten die auf den zoologischen Namen Corbicula fluminea getauften Weichtiere als unerwünschte Einwanderer. 1984 tauchten die ersten Körbchenmuscheln, wie sie auf Deutsch heißen, in der Unterweser auf; nur drei Jahre später folgten weitere Meldungen aus dem Rhein. Dort fühlten sich die ursprünglich asiatischen Mollusken offenbar sofort wohl. Ihre Populationen wuchsen rasch an und bildeten schon bald wahre Massenbestände. Seitdem sind sie ein wesentlicher Baustein des Ökosystems.
Nach Europa gelangte Corbicula fluminea höchstwahrscheinlich als blinde Passagierin in Ballastwassertanks von Schiffen. Zuerst nachgewiesen wurden die Tiere 1980 in Südwestfrankreich und Portugal, wo sie inzwischen unfassbar zahlreich auftreten können. In portugiesischen Flüssen drängen sich mitunter bis zu 4.000 Körbchenmuscheln auf einem einzigen Quadratmeter, berichtet der Biologe Ronaldo Sousa von der Universidade do Minho in Braga. Ihre Biomasse entspreche der zweithöchsten tierischen Produktivität, die jemals in einem Süßwasser-Ökosystem nachgewiesen wurde. Mit anderen Worten: Corbicula dominiert ganze Gewässer.
Fehlende Fressfeinde
Das extreme Populationswachstum ist unter anderem auf eine hohe Fruchtbarkeit zurückzuführen. Eine Körbchenmuschel bringt im Lauf ihres Lebens zwischen 25.000 und 75.000 Larven auf die Welt. Zwar gibt es eine hohe Mortalität, aber die scheint in Europa und Nordamerika, wo sich die Art ebenfalls massiv ausgebreitet hat, niedriger zu sein als in den asiatischen Heimatgefilden. Auf den neu besiedelten Kontinenten werden die Weichtiere bis zu fünf Jahre alt, im ursprünglichen Herkunftsgebiet nur drei. Und während die Angehörigen invasiver Bestände manchmal auf fünf Zentimeter Schalenlänge heranwachsen, schaffen ihre Artgenossen in Asien maximal 34 Millimeter. Ronaldo Sousa zufolge könnten fehlende Schmarotzer die Ursache sein: „In keinem europäischen Fluss, dessen Corbiculas wir untersucht haben, gibt es Parasiten.“ Das fördert natürlich die Gesundheit der Muscheln und ihren Fortpflanzungserfolg. Asiatische Exemplare seien hingegen praktisch immer befallen, betont Sousa.
Der hiesigen Fauna schmecken die Neuankömmlinge auch nicht besonders. Sousa und seine Kollegen haben die Attraktivität von Körbchenmuscheln als Futter für Fische und Krebse in portugiesischen Flüssen getestet. Nur wenige der aus Corbicula-Fleisch gefertigten Köder wurden gefressen, die potenziellen Prädatoren waren offenbar nicht begeistert. „Wir vermuten, dass sie sie nicht als Nahrung erkennen“, sagt Sousa. Manche heimischen Vogelarten indes, wie zum Beispiel der Austernfischer, greifen durchaus zu, berichtet der Experte. Auch Wasserschildkröten seien nicht abgeneigt. Immerhin.





