Viele Familiengeschichten werden nur mündlich überliefert und gehen mit der Zeit verloren. Mit Hilfe eines interaktiven Schaukelstuhls und eines virtuellen Enkelkinds will eine amerikanische Forscherin vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) jetzt Senioren zum Erzählen bringen und deren Lebensgeschichten für die Nachwelt aufzeichnen.
Jennifer Smith vom Media Lab des MIT bedauerte, dass ihr keine Möglichkeit zur Verfügung stand, die Geschichten ihrer Großmutter festzuhalten. “Als sie starb, verloren wir alle ihre Stories”, berichtet Smith im Wissenschaftsmagazin New Scientist. Die Wissenschaftlerin entwickelte deshalb ein System, das aus einem Schaukelstuhl und einem großen Monitor besteht, der ein kleines Mädchen in Lebensgröße anzeigt. Senioren setzen sich in den Stuhl und das virtuelle Enkelkind auf dem Bildschirm stellt ihnen Fragen über ihr Leben und ermuntert sie zum Erzählen. Während ein Spracherkennungs-System die Geschichten erfasst, registrieren druckempfindliche Sensoren im Sitz des Schaukelstuhls die Körperbewegungen der erzählenden Person.
Bei Versuchen stellte Smith fest, dass sich das Schaukelmuster der erzählenden Personen änderte, wenn sie zum Ende einer Geschichte kamen. “Einige Menschen stoppten dann das Schaukeln, andere schaukelten immer schneller”, so Smith. Ein Accelerometer am Rücken des Stuhls erfasst die Beschleunigung. Die Daten empfängt der Computer, der das virtuelle Enkelkind steuert. Es kann so auf die Körpersprache reagieren und sich beim Zuhören beispielsweise interessiert vorbeugen. “Ich hatte den Eindruck, sie merkte, wenn ich nicht weiterreden wollte und es Zeit war, eine neue Frage zu stellen”, berichtet Laurie Eberhardt, eine Großmutter, die das System als erste testete.
Das System ist das erste Dialogsystem, das Spracherkennung mit einem Algorithmus kombiniert der auch die Intonation des Erzählenden berücksichtigt, erklärt Smith. So kann das Enkelkind an der richtigen Stelle nicken oder zustimmende Laute von sich geben. Auf 50 verschiedene Schlüsselwörter reagiert es fröhlich, traurig oder überrascht. “Bevor ich das einbaute, stoppten die Personen beim Erzählen und sagten: ‘Ich glaube, es hört überhaupt nicht zu'”, so die Forscherin. Sie stellte fest, dass Menschen mit Hilfe des interaktiven Schaukelstuhls länger und detaillierter aus ihrem Leben erzählten, als wenn sie nur auf ein Tonband sprachen.
Almut Bruschke-Reimer





