Der Stammbaum des Lebens ist ein komplexes, vielfach verzweigtes System. Im Laufe der Evolution haben sich aus den ersten Zellen unzählige ganz unterschiedliche Organismenformen entwickelt. Wie eng diese miteinander verwandt sind, zeigt die biologische Taxonomie, die Klassifizierung der unterschiedlichen Stämme, Gattungen und Arten. Dabei gibt es solche, die näher beieinander liegen, und andere, die weiter voneinander entfernt sind. So sind beispielsweise Kartoffel- und Tomatenpflanzen eng verwandt, aber auch Erdmännchen und Luchse liegen biologisch betrachtet nah beieinander. Der taxonomische Verwandtschaftsgrad könnte daher auch auf eine Art geographische Karte übertragen werden.
Alle 2,6 Millionen bekannte Arten
Ein Forscherteam um Martin Freiberg von der Universität Leipzig hat nun eine solche „Karte“ des irdischen Lebens veröffentlicht. Das sogenannte LifeGate umfasst dabei alle 2,6 Millionen bekannten Spezies des Planeten – angeordnet nach taxonomischer Nähe. „Ich wollte LifeGate so bauen, dass alle Arten gleichwertig sind, und dass die unglaubliche Vielfalt der Arten wirklich erleb- und begreifbar wird“, sagt Freiberg. Das Prinzip der kostenlos verfügbaren Karte funktioniert dabei ähnlich wie das einer geographischen. In der Startansicht sieht man die unterschiedlichen Stämme der Biologie. In diese kann nun reingezoomt werden. Es erscheinen Klassen, Ordnungen, Familien und Gattungen – bis hin zu den einzelnen Arten.
Als Grundlage der Arbeit diente Freiberg die biologische Taxonomie. In der Biologie wird die stammesgeschichtliche Entwicklung und die Verwandtschaftsbeziehungen der Lebewesen in sogenannten Phylogenien beschrieben. Auch wenn diese teilweise schon früh erforscht wurden, fanden nur moderne, bereits auf Basis von DNA-Analysen erstellte Phylogenien ihren Weg in die LifeGate-Karte. Freiberg führte diese schließlich erstmals in einer Weise zusammen, dass die verwandtschaftliche Position aller Arten gleichzeitig erkennbar ist und die Darstellung nicht auf beispielsweise Frösche oder Orchideen begrenzt ist. „Da LifeGate auf keine Gruppe beschränkt ist, lassen sich so erstmals überhaupt Beziehungen zwischen Arten darstellen“, sagt Freiberg.
„Bilder sind einprägsamer als nackte Zahlen“
Die einzelnen Arten sind dabei aber keineswegs nur mit den trockenen biologischen Bezeichnungen ausgeschildert – stattdessen werden derzeit etwa 420.000 Spezies auch durch Fotos dargestellt. Die Datenbank dahinter umfasst sogar zwölf Millionen Bilder von Lebewesen, egal ob Palme, Pandabär oder Pantoffeltierchen. Dabei gibt es allerdings von manchen Arten sehr viele Bilder, während andere überhaupt nicht vorkommen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Abbildungen größtenteils von freiwilligen Helfern zur Verfügung gestellt wurden. Weltweit haben sich etwa 6.000 Leute an der Aktion beteiligt. „Bilder sind einprägsamer als nackte Zahlen und erleichtern den Zugang zum Thema Artenvielfalt. Deshalb fasziniert die Karte auch Amateure und Laien. In den Zoo gehen ja auch nicht nur Biologen“, erklärt Freiberg.





