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Ocean Cay: Insel der Hoffnung?
Können ausgerechnet Kooperationen zwischen Naturschutz und Tourismus gefährdeten Warmwasser-Riffen helfen? Das privat geführte Ocean Cay Marine Reserve auf den Bahamas liefert hierfür sowohl kuriose als auch ermutigende Befunde.
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Text: Matthias Kowalski
Es ist wie das Paradies auf Erden. Die acht schneeweißen Sandstrände des Eilands wirken nach einer morgendlichen Maniküre mit Harken und Besen unberührt, das kristallklare Wasser von Atlantik und Karibik, das sich hier vermischt, schwappt in sanften Wellen an die Ufer der geschützten Lagune. Leuchtende Bahama-Papageien haben mittlerweile die zu Hunderten angepflanzten Palmen in Besitz genommen und mit etwas Geduld lassen sich sogar die seltenen Bahamasternkolibris im Grün entdecken.
Doch leider trügt der schöne Schein. Während Touristen die malerischen Strände genießen, tobt unter der schimmernden Oberfläche des Ozeans ein brutaler Überlebenskampf: Die heimischen Korallen leiden massiv unter Hurrikans, Krankheitserregern und den steigenden Wassertemperaturen. An immer mehr Tagen liegen Letztere oberhalb der kritischen 30,5 Grad-Marke. Meist ein Todesurteil für Korallenriffe: Mehr als 90 Prozent dieser größten lebenden Strukturen unseres Planeten werten Forscher hier als geschädigt oder bereits zerstört. Die Bahamas rund 200 Kilometer südöstlich von Florida gelten heute als einer der weltweiten Brennpunkte des Korallensterbens.
Kurs nehmen auf den Artenschutz
„Wir wussten, dass wir dagegen etwas unternehmen müssen“, sagt Pierfrancesco Vago, Executive Chairman der Kreuzfahrtreederei MSC aus Genf. Und er bekennt auch: „Aus Verantwortung und aus Eigeninteresse.“ 2015 pachtete MSC das Gebiet Ocean Cay für 99 Jahre von der bahamaischen Regierung und verpflichtete sich, auf den 95 Hektar (Wasser-)Fläche ein Meeresreservat zu schaffen und das gleichnamige Inselchen völlig neu zu anzulegen. Denn es war durch den rücksichtslosen Sandabbau seit den 60er Jahren beinahe komplett demoliert worden. Mehr als 100 Millionen Euro investierte die Reederei bislang in Ocean Cay – auch, um ihre Schiffe auf dem Weg von und nach Miami dort anlegen lassen zu können und den Gästen so einen entspannten Strandtag auf der Privatinsel zu bescheren.
Das Prinzip der „eigenen“ Insel hatte sich MSC von anderen Reedereien abgeschaut, die ihren Besitz jedoch mit Fahrgeschäften, Zip-Lines und anderen Spaß-Attraktionen eher in lärmende Vergnügungsparks verwandelt haben. Trotz Tausender Besucher an mehreren Tagen pro Woche ist Ocean Cay spürbar stiller, zurückhaltender, nachhaltiger. Dafür sorgt allein schon das mittlerweile ausgewachsene Hüttendorf direkt an der Anlegestelle mit Kino, Schaubecken und Ausstellungsräumen, in dem Mitarbeiter über das Marine Reserve und die Schutzprojekte informieren.
Die Reederei mit ihrer zuständigen MSC Foundation konnte eine lange Liste an Partnern aus Umweltschutz, Forschung und Wissenschaft für die Renaturierung von Ocean Cay gewinnen – darunter die University of Miami, die Nova Southeastern University, die University of The Bahamas, das Perry Institute for Marine Science sowie die oft als „Weltnaturschutzorganisation“ bezeichnete International Union for Conservation of Nature (IUCN) mit ihren 1.400 Mitgliedern aus mehr als 170 Ländern. Das Ziel: die marine Flora und Fauna wiederzubeleben.
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Unter anderem sollen rund um die Insel die ökologisch essenziellen Seegraswiesen inklusive dort heimischer Arten wie der Großen Fechterschnecke als Kohlenstoffspeicher erhalten werden. Vor allem aber bedeutet das, eine Korallenart zu finden und zu kultivieren, die dem Klimawandel trotzen kann.
Nach einem ersten Bericht über den Start dieses ungewöhnlichen Projekts (natur 08/2020) ging es nun erneut auf Spurensuche im Reservat. Was wurde bisher unter dem Aspekt des Naturschutzes auf Ocean Cay erreicht?
Gewollte und ungewollte Gäste
Der Befund fällt erwartungsgemäß gemischt aus und enthält zudem eine Überraschung. Renaturierung kann mitunter auch „zu erfolgreich“ sein. „Man muss die Natur nur in Ruhe lassen – und das haben wir ja während der Coronapandemie ausgiebig getan“, berichtet ein Mitarbeiter. Auch dank des strikten Fischereiverbots habe sich der Fischbestand im Reservat derart gut erholt, „dass wir hier zu einem Gourmet-Treff für Haie wurden“. Rund um das Eiland tummeln sich Tigerhaie, Karibische Riffhaie, Hammerhaie, Ozeanische Weißspitzenhaie, Ammenhaie, Zitronenhaie oder Bullhaie. Weil sie an der Spitze der marinen Nahrungskette stehen, gilt ihr gehäuftes Auftreten meist als Indikator für eine allgemein recht gesunde Meereswelt.
Dass die Gewässer um Ocean Cay neuerdings von Haien dominiert werden, liegt vielleicht auch an „Mr. Shark“ . Denn der Wissenschaftler und Hai-Experte Owen O´Shea war von MSC zum Leiter des Renaturierungsprojekts berufen worden und hat seinen Job offenbar gut gemacht. Indes verträgt sich das zahlreiche Auftreten von Haien schlecht mit den touristischen Interessen einer Kreuzfahrtreederei. Erneut gab es also eine Ruhepause auf Ocean Cay – diesmal, um die Haie wieder etwas weiter wegzulocken und an einigen Badebuchten zusätzliche Schutznetze anzubringen. MSC trennte sich auch von dem Hai-Experten, doch die – häufig zu Unrecht – gefürchteten Knorpelfische verabschiedeten sich natürlich nicht automatisch mit ihm. Für ihr Bleiben haben sie auch gute Gründe: Alle Arten von marinen Reservaten avancieren geradezu zwangsweise zu beliebten Jagdrevieren unter den Räubern der Meere – vor allem wenn in den umliegenden Gebieten stärker durch den Menschen gefischt und somit das Nahrungsangebot dezimiert wird. Dagegen wirkt ein Reservat wie eine verlockend gut gefüllte Vorratskammer. Der Baywatch-Mannschaft auf Ocean Cay fällt nun folglich die Aufgabe zu, jeden gesichteten Hai in den Badegewässern mit Jetskis zu verscheuchen.
„Super-Korallen“ auf der Spur
Deutlich willkommener sind dagegen andere Lebewesen, die meist erst richtig auffallen, wenn sie fehlen. Daher wird auf Ocean Cay für ihren Erhalt gekämpft. Um resistente „Super-Korallen“ zu finden, die mit dem Klimawandel am besten zurechtkommen, wählen Forschende rund um das Eiland Fragmente verschiedener Korallenarten aus und hängen diese unter Wasser mit Schnüren an fest verankerten Gitterbäumen auf. Ihre Beobachtung soll Aufschluss darüber geben, welche Art mit welchem Genom extreme Klimabedingungen am besten kompensieren kann. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich auch Verantwortlichen an anderen Korallen-Standorten rund um den Globus zur Verfügung gestellt werden.
Emeline Bouchet sammelte als Meeresbiologin bereits Erfahrungen auf den Malediven und leitet heute als Marine Conservation Managerin die Forschungen der MSC Foundation auf Ocean Cay. 546 Korallen-Fragmente brachte sie mit ihrem Taucherteam bis Ende 2024 an den Metallkonstruktionen an, um die Nesseltiere in einem ersten Schritt zu studieren: „Alle Korallen-Fragmente haben die beispiellose marine Hitzewelle des Sommers 2023 überstanden“, vermeldet sie voller Stolz. Darunter die Elchgeweihkoralle (laut Liste des IUCN vom Aussterben bedroht), die Bergige Sternkoralle (gefährdet), die Steinkoralle (gefährdet) sowie die Karibische Hirnkoralle (nicht gefährdet).
Die zweite Stufe der Forschungen sieht vor, resistente Fragmente auszusetzen, damit die neu angesiedelten Korallen zerstörte oder geschädigte Riffe zumindest teilweise wiederbeleben können. Im November befanden sich noch 387 Korallen-Fragmente in der Offshore-Aufzuchtstation an den Gitterbäumen, 249 wurden bereits ausgepflanzt. Die Meeresbiologin Bouchet wählte mit ihren Kollegen dafür zwei unterschiedliche Standorte in der Nähe von Ocean Cay aus, nämlich die flachere Brown‘s Cay sowie Lobo Horis mit tiefem Wasser. „Aktuell läuft eine Evaluation mittels Fotomosaik-Untersuchung bei der der Zustand des Riffs überprüft und festgestellt wird, wie sich die renaturierten Bereiche mit den Auspflanzungen im Vergleich zu den anderen Bereichen ohne Auspflanzungen entwickelt haben.“
In einem zweiten Forschungsstrang werden die Korallen in Wasserbecken an der Anlegestelle des Hüttendorfs quasi „trainiert“: auf höhere Temperaturen sowie veränderte pH- und Nährstoffwerte im Wasser. Nur die Tiere, die das Training im Aquarium erfolgreich absolvieren, kommen für ein Leben in freier Wildbahn infrage. „Wir wollen die Vermehrung und Aussetzung von Erfolg versprechenden Korallen mit der Wärmebehandlung in unserem Labor deutlich ausweiten“, so Emeline Bouchet. „Unser Ziel ist es, unsere Kapazitäten so weit auszubauen, um jährlich 6.000 Korallen züchten und anpflanzen zu können.“
Nach dem Motto „Spaß am Mithelfen“ werden von den Forschern schon mögliche Projekte diskutiert, bei denen Inselgäste selbst mit anpacken könnten, um in Schnorchel- oder Taucherausrüstung aussichtsreiche Korallen-Fragmente rund um das Eiland anzupflanzen.
Der internationalen Meeresschutzorganisation Mission Blue waren die Bemühungen der MSC Foundation inzwischen eine Auszeichnung wert, sie erhob Ocean Cay zu einem der wenigen globalen „Hope Spots“ („Orte der Hoffnung“). Die Gründerin von Mission Blue, die US-amerikanische Ozeanografin und Umweltaktivistin Sylvia Earle, fasst es so zusammen: „Damit werden die umfassenden Renaturierungsmaßnahmen und das Engagement für den Schutz der marinen Biodiversität gewürdigt.“ Ocean Cay informiere „wöchentlich Tausende von Menschen über die entscheidende Bedeutung der Züchtung und Auspflanzung thermisch toleranter Korallen für den Meeresschutz, die Gesundheit der Ozeane und das Wohlergehen der Menschen“.
Erste Opfer der Klimakrise
Weltweit betrachtet sind solche zarten Hoffnungspflänzchen zur Rettung von Korallenriffen allerdings extrem selten. Der neueste Bericht über weltweite Kipppunkte im Klimasystem („Global Kipping Points Report 2025“), den die Universität von Exeter regelmäßig herausgibt, zeichnet ein beinahe entmutigend-düsteres Bild: Warmwasser-Korallenriffe zählten zwar „zu den artenreichsten und wertvollsten Ökosystemen der Erde“, so das Autorenteam um Donovan Dennis, der für das Potsdam Institut für Klimafolgenabschätzung und fürs Max-Planck-Institut für Geoanthropologie arbeitet. Riffe würden außerdem den Lebensunterhalt von fast einer Milliarde Menschen sichern und trügen jährlich mit Waren und Dienstleistungen in Höhe von Billionen Dollar zur Wirtschaftsleistung bei. Sie lieferten Nahrung, schützten die Küsten, besäßen einen hohen kulturellen Wert und böten somit existenzielle Lebensgrundlagen. „Doch diese Riffe stehen derzeit vor einer beispiellosen Krise, da sie als erstes Ökosystem der Erde den geschätzten thermischen Kipppunkt von 1,2 Grad globaler Erwärmung über dem vorindustriellen Niveau überschritten haben.“ Dies führe zu einer weitreichenden Degradation der Riffe. „Bei den aktuellen Emissionstrends könnte die obere Kipppunktschwelle von 1,5 Grad für Korallenriffe innerhalb des nächsten Jahrzehnts überschritten werden“, so die Autoren. Selbst unter dem derzeit optimistischsten Szenario einer Stabilisierung der Erwärmung bei 1,5 Grad sei es ihrer Einschätzung nach „so gut wie sicher, dass alle Korallenriffe weltweit kippen werden, was dies zu einem der drängendsten ökologischen Probleme macht, mit denen die Menschheit konfrontiert ist“.
Die Situation ist derart dramatisch, dass die Experten ihre Verzweiflung nicht verbergen können: Korallenriffe gehören demnach zu den Ökosystemen, „die am empfindlichsten auf direkte und indirekte menschliche Aktivitäten reagieren“. Schätzungsweise 50 Prozent der weltweit lebenden Korallen seien in den letzten 50 Jahren verloren gegangen und der Rückgang habe sich in den letzten 30 Jahren beschleunigt. „Über 80 Prozent der Korallenriffe weltweit sind stark überfischt oder weisen degradierte Lebensräume auf. Lokale, regionale und sogar noch größere Stressfaktoren wie nicht nachhaltige Fischerei, Wasserverschmutzung, Krankheiten, Nährstoffanreicherung und ein Ungleichgewicht bei den Raubfischen bleiben weiterhin große Probleme. Der Klimawandel, insbesondere die Erwärmung der Ozeane, ist jedoch mittlerweile zur dominierenden globalen Bedrohung für die Funktionsfähigkeit dieser Ökosysteme geworden.“
Globales Korallensterben
Nach 1998, 2010 und 2016 hätten Warmwasser-Korallenriffe zuletzt das vierte globale Bleichereignis, also ein Massensterben, erlitten, was die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und die International Coral Reef Initiative (ICRI) am 15. April 2024 erklärten. Bis zum Mai 2025 waren bereits rund 84 Prozent der weltweiten Korallenriffe geschädigt.
Bei der sogenannten Bleiche stoßen Korallen als Reaktion auf den Hitzestress die für sie lebenswichtigen symbiotischen Algen ab. Diese betreiben Fotosynthese und versorgen die Korallen so mit Energie in Form von Zucker. Im Gegenzug erhalten sie von den Nesseltieren Schutz und Nährstoffe. Wird die Symbiose und damit die Energiezufuhr unterbrochen, verlieren die Korallen zunächst ihre Farbe und sterben schließlich ganz ab. Das neueste globale Bleichereignis von 2023 bis 2025 sei das am weitesten verbreitete, das Wissenschaftler jemals aufgezeichnet hätten, und die vorausgegangene Erwärmung die stärkste.„Katastrophale Zustände und dramatische Veränderungen des Ökosystems der Korallenriffe sind keine ferne Bedrohung mehr: Sie finden bereits jetzt statt“, fasst es Michael Kingsford, Meeresbiologe an der australischen James Cook University, zusammen.
Können Renaturierungsprojekte wie auf Ocean Cay dann überhaupt noch etwas ausrichten? Die Autoren des aktuellen Global Tipping Points Reports um Donovan Dennis meinen „Ja“ – mit einem großen „Aber“: Projekte zur Renaturierung von Korallenriffen benötigten noch immer viel Zeit, aber sie hätten sich immerhin „in kleinem Maßstab ohne thermische Belastung und mit intensiven Pflegemaßnahmen als wirksam erwiesen“. Mehrere wissenschaftliche Initiativen in beinahe allen Warmwassergebieten der Welt suchen unter enormem Zeitdruck nach Korallen mit geeigneten Genotypen, die der zunehmenden thermischen Belastung standhalten können. Doch hier zeige sich das „Hase-Igel-Problem“: Können vielversprechende Korallen immer wieder schnell genug auf noch höhere Temperaturen „trainiert“ werden? Und können ausreichend viele solcher resistenten Korallen für all die Krisenregionen der Welt gezüchtet werden? „Die Größe bleibt die größte Hürde“, so die Studienautoren, „da weniger als vier Prozent der Wiederherstellungsinitiativen eine Fläche von mehr als einem Hektar umfassen.“ Eine wirklich großflächige Renaturierung von Korallenriffen sei durch finanzielle Engpässe und die zunehmende Schwere der weiterhin zu erwartenden Umwelt- und Klimabelastungen stark eingeschränkt. Ocean Cay bleibt vorerst eben doch nur eine sehr kleine Insel der Hoffnung. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. //
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