Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Berlin haben eine bislang unbekannte Verteidigungsstrategie des Immunsystems entdeckt: Die Wächterzellen, die an vorderster Front eindringende Bakterien bekämpfen, können die Mikroben nicht nur auffressen, sondern werfen zusätzlich tödliche Netze nach ihnen aus. Einmal in einem solchen Netz gefangen, werden die Eindringlinge entwaffnet und getötet. Ihre Entdeckung beschreiben die Forscher um Arturo Zychlinsky in der Fachzeitschrift Science (Bd. 303, S. 1532).
Wenn irgendwo Bakterien in den Körper eindringen, sind die so genannten Granulozyten sofort zur Stelle: Die Zellen, die 50 bis 80 Prozent der weißen Blutkörperchen ausmachen, verschlingen die Eindringlinge und verdauen sie mithilfe eines ganzen Arsenals von Enzymen und antimikrobiellen Substanzen. Doch die Abwehrzellen können noch mehr: Die Berliner Wissenschaftler entdeckten im Elektronenmikroskop, dass sich in der Anwesenheit von Krankheitserregern netzartige Strukturen außen an der Oberfläche der Immunzellen bilden.
Diese Netze können Bakterien nicht nur festhalten, sondern enthalten offensichtlich auch Substanzen, um die Krankheitserreger zu entwaffnen und zu töten, zeigten weitere Untersuchungen. Eine Analyse der Zusammensetzung der Netzstrukturen brachte weitere Überraschungen zu Tage: Die Netze bestehen hauptsächlich aus so genanntem Chromatin, einer Mischung aus DNA und ganz bestimmten Proteinen, die eigentlich nur in den Chromosomen im Zellkern vorkommt. Zusätzlich sind die Netze noch mit Verdauungsenzymen ausgestattet, die krankmachende Eiweiße auf der Bakterienoberfläche unschädlich machen und die Zellwand der Mikroben durchlöchern können.
Diese Strategie ist sehr effizient, konnten die Forscher im Labor nachweisen: Sowohl Shigella-Bakterien, die die Darmkrankheit Ruhr verursachen, als auch Salmonellen und die Entzündungserreger Staphylokokken wurden von den Netzen unschädlich gemacht. Die Forscher vermuten, dass die Netze den Abwehrzellen dazu dienen, die Bekämpfung von Krankheitserregern effektiver zu machen. Denn schon bevor die Granulozyten die Eindringlinge angreifen und fressen, entwaffnen die Netze die Mikroben. Außerdem halte das Netzgewebe die Krankheitserreger fest und verhindere so deren weitere Ausbreitung, schreiben die Wissenschaftler.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel





