Infektion aus Erregersicht
Auf der Suche nach den Ursachen des rätselhaften Geschlechtereffekts haben Ubeda und Jansen nun einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Sie versetzen sich kurzerhand in die Krankheitserreger hinein. “Wir bewegen uns damit weg von wirtszentrierten Hypothesen und hin zu Hypothesen, die das Pathogen in den Mittelpunkt stellen”, so die Forscher. Ihre Frage dabei: Welche Vorteile hat es für das Virus oder Bakterium, wenn es Frauen länger am Leben lässt oder bei ihnen schwächere Symptome auslöst? Um das herauszufinden, entwickelten die Wissenschaftler ein epidemiologisches Modell der Infektion und Übertragung bei Männern und Frauen. Dieses berücksichtigt die Balance, die ein Erreger halten muss: Lässt er seinen Wirt zu schnell sterben, kann er sich vorher möglicherweise nicht ausreichend übertragen. Ist er aber nicht aggressiv genug, dünnt ihn das Immunsystem möglicherweise so stark aus, dass die Ansteckung anderer ebenfalls unwahrscheinlich wird.
Bei der Betrachtung der Optionen aus Erregersicht stießen die Forscher auf einen entscheidenden Unterschied zwischen Männern und Frauen: Befällt das Bakterium oder Virus einen Mann, kann es andere nur über horizontalen Transfer anstecken – beispielsweise durch Anhusten, Sex oder andere Überragungswege. Anders dagegen bei einer Frau im gebärfähigen Alter: Bei ihr besteht zusätzlich die Option, einen Erreger bei der Geburt und beim Stillen an ihren Nachwuchs weiterzugeben. Wie das Modell verriet, übte dieser zusätzliche Weg des vertikalen Transfers im Laufe der Evolution einen positiven Selektionsdruck auf den Erreger aus. Denn für das Bakterium oder Virus ist es kontraproduktiv, eine Frau zu töten, bevor diese Kinder bekommen hat und damit dem Erreger zusätzliche Übertragungswege eröffnet. “Für das Pathogen macht diese zusätzliche Übertragungsroute das Leben von Wirten wertvoller, die den vertikalen Transfer erlauben”, so Ubeda und Jansen. Die Balance, die der Erreger halten muss, verschiebt sich damit zugunsten eines milderen Verlaufs bei Frauen und damit größeren Übertragungschancen.
Japan, die Karibik und ein Leukämie-Virus
Demnach müsste immer dann, wenn ein Virus oder Bakterium schon im Mutterleib oder später beim Stillen auf das Kind übergehen kann, diese Verschiebung zum Tragen kommen. Kann sich ein Erreger dagegen ohnehin nur horizontal verbreiten, wie beispielsweise bei Erkältung oder Grippe der Fall, dann müssten Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sein. Ob dieses Modell in der Realität tatsächlich greift, überprüften die Forscher am Beispiel des HTLV-1-Virus, einem Erreger, der beim Menschen adulte T-Zell-Leukämie (ATL) verursachen kann. Dieses Virus ist vor allem in der Karibik und in Japan stark verbreitet. Der entscheidende Unterschied: In der Karibik wird der Erreger fast ausschließlich durch Sex übertragen – also horizontal. In Japan jedoch infizieren sich viele Menschen schon als Kind durch das Stillen und damit durch vertikalen Transfer. Stimmt die Theorie, müsste das Virus in der Karibik bei beiden Geschlechtern gleich häufig zu Leukämie führen, in Japan dagegen wäre ein schwerer Verlauf bei Männern häufiger. Und tatsächlich: “Japanische Männer, die sich mit HTLV-1 angesteckt haben, entwickeln zwischen 2 und 3,5 Mal häufiger Leukämie als Frauen”, berichten die Wissenschaftler. In der Karibik gebe es solche Unterschiede dagegen nicht.





