wissenschaft.de : Etwa 59 000 Menschen sterben jährlich an einer Sepsis – allein in Deutschland. In der Öffentlichkeit ist das kaum bekannt. Worauf führen Sie das zurück?
Krauss-Etschmann: Anders als bei chronischen Krankheiten wie Asthma oder Diabetes gibt es wenige Patientenvereinigungen, die sich öffentlich zu Wort melden. Außer der Deutschen Sepsis-Hilfe, in der sich Betroffene und Angehörige zusammengeschlossen haben, gibt es kaum eine Lobby.
Sind es eher ältere Menschen, die an einer Sepsis sterben?
Krauss-Etschmann: Von 40 an steigt mit jedem Lebensjahr die Wahrscheinlichkeit, an einer Sepsis zu sterben. Aber auch Babys sind gefährdet – vor allem Frühgeborene. Eine Sepsis kann außerdem die Folge einer ärztlichen Behandlung sein: etwa nach einer Chemotherapie bei Krebspatienten, die zu einer Schwächung des Immunsystems geführt hat. Besonders Katheter sind eine potenzielle Eintrittspforte für Erreger.
Heißt das, dass Krankenhäuser eine Brutstätte für Sepsis sind?
Popp: Sepsis-Sterbefälle haben oft etwas mit Hygiene zu tun. In Krankenhäusern ist man sich durchaus bewusst, welche Bedeutung die Hygiene hat. Von einer “Brutstätte” würde ich nicht sprechen, denn oft sind eingeschleppte Erreger die eigentliche Ursache von Krankenhausinfektionen. Schon bei der Einweisung in die Klinik muss ein Umdenken einsetzen: Viel zu selten wird in Deutschland kontrolliert, welche Bakterien Menschen in sich tragen, bevor sie in einem Krankenhaus stationär aufgenommen werden. In den Niederlanden macht man das anders. Dort werden alle Patienten gleich bei der Aufnahme auf Bakterien hin untersucht und gefragt, ob sie vorher in einem ausländischen Krankenhaus waren. Zudem ist man viel zurückhaltender mit dem Einsatz von Antibiotika, um der Entstehung von Resistenzen vorzubeugen.
Antibiotika-Resistenzen machen uns also zunehmend zu schaffen?
Krauss-Etschmann: Antibiotika werden von manchen Ärzten zu rasch und vor allem ungezielt eingesetzt, weil sie dem Patienten schnell helfen wollen. Das fördert die Entwicklung von resistenten Erregern, die sich im Krankenhaus verbreiten und vor allem die Intensivmediziner vor große Herausforderungen stellen.
Popp: Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte bereits 2014 vor einer post-antibiotischen Ära: Schon eine kleine entzündete Wunde kann zum Tod führen, wenn es kein wirkungsvolles Medikament mehr gibt, um die Infektion zu bekämpfen. Das ist kein Zukunftsszenario, sondern bereits Realität: Erst kürzlich wurde in den USA bei einer Patientin ein Bakterium entdeckt, das 15 Resistenzgene in sich trug. Selbst eine Behandlung mit Colistin, einem Reserve-Antibiotikum – wirklich der letzten Waffe der Mediziner – war nicht mehr möglich.





