Der Kampf gegen die Heroinsucht ist extrem schwer und langwierig. Selbst nachdem die körperliche Abhängigkeit überwunden ist, bleiben Betroffene anfällig für Rückfälle und verspüren die Sehnsucht nach dem “High”. Die Substitution mit Methadon und anderen Opiaten kann diese Gefahr nur in Teilen mindern, andere Mittel, die die Reaktion auf Opiate komplett blocken, haben starke Nebenwirkungen. Neue Hoffnung bietet jetzt ein Impfstoff gegen Heroin, den US-Forscher entwickelt und an Ratten getestet haben. Er verhindert, dass die wirksamen Komponenten des Heroins ins Gehirn gelangen und bekämpft wirksam auch typische psychische Folgen der Heroinsucht. Der Impfstoff sei vielleicht noch nicht das Wundermittel gegen die Sucht, er repräsentiere aber eine vielversprechende und auch mit bisherigen Ansätzen gut kombinierbare Therapie gegen die Heroin-Abhängigkeit.
“Der Missbrauch von Opiaten, darunter auch Heroin, ist ein weltweites Problem”, berichten Joel Schlosburg und seine Kollegen vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla. Etwa ein halbes Prozent der Weltbevölkerung gehöre zu den regelmäßigen Nutzern dieser Suchtmittel. Gleichzeitig sei Heroin noch immer die illegale Droge mit dem höchsten Sterberisiko und der höchsten Kriminalitätsrate der von ihm Abhängigen. Vom Heroin loszukommen erfordert bisher eine kontinuierliche psychotherapeutische Begleitung und meist auch medikamentöse Hilfe. Beides soll dabei helfen, das Verlangen nach der Droge zu unterdrücken und die Gefahr von Rückfällen zu verringern.
Doch die bisherigen Medikamente haben zahlreiche Nachteile und Nebenwirkungen, wie die Forscher erklären. So kann eine Substitutionstherapie mit Methadon oder anderen Opiaten ebenfalls abhängig machen. Heroin-Blocker wie Naltrexon wiederum blockieren die Wirkung von Heroin und anderer Opiat-Drogen, indem sie sämtliche Opioid-Andockstellen im Gehirn besetzen. Da diese aber auch für wichtige körpereigene Botenstoffe benötigt werden, kann dieser Eingriff in den Hirnstoffwechsel tiefgreifende Auswirkungen auf Stimmung und Gefühlsleben der Betroffenen haben. Beide Therapien sind zudem langwierig und erfordern die Mitarbeit und die regelmäßige Teilnahme durch den Entzugswilligen – entsprechend hoch ist die Aussteigerquote.
Passage der Droge ins Gehirn blockiert
Abhilfe schaffen könnte nach Ansicht von Schlosburg und seinen Kollegen eine Immuntherapie – ein Impfstoff, der den Körper dazu bringt, Antikörper gegen Heroin und seine Abbauprodukte zu bilden. Diese binden sich an die Drogenmoleküle und verhindern so, dass diese durch die Blut-Hirn-Schranke an ihren Wirkort gelangen, die Opioid-Andockstellen im Gehirn. Einen solchen Impfstoff haben die Forscher bereits vor einiger Zeit entwickelt und auch schon erste Tests damit durchgeführt. Sie zeigten, dass der Wirkstoff bei nicht-süchtigen Ratten große Mengen an Antikörpern gegen Heroin und sein Abbauprodukt 6-Acetylmorphin (6-AM) erzeugt und den Tieren die Motivation nimmt, sich mit Heroin zu versorgen.
In ihrer aktuellen Studie wollten die Forscher nun klären, ob der Impfstoff auch bei bereits süchtigen Ratten hilft – also letztlich denjenigen, die einer Therapie bedürfen. Dafür injizierten sie heroinabhängigen Ratten entweder drei Dosen des neuen Anti-Heroin-Impfstoffs oder aber drei Mal eine Salzlösung oder einen breiter wirksamen Morphin-Impfstoff. In einem ersten Test prüften sie, ob eine anschließende Injektion mit Heroin die Schmerzempfindlichkeit der Tiere senkte – wie normalerweise bei der Droge üblich. Das Ergebnis: Nur die mit Anti-Heroin-Impfstoff behandelten Ratten zogen ihre Pfote genauso schnell von einer heißen Platte weg wie die nicht der Droge ausgesetzten Kontrolltiere. Wurden diese Tiere zusätzlich mit Opioid haltigen Schmerzmitteln behandelt, wirkten diese trotz Anti-Heroin-Impfung weiterhin – ein großer Vorteil, wenn es gilt, die Schmerzen von Entzugswilligen zu lindern.
Keine Lust mehr auf die Droge
In einem weiteren Test prüften die Forscher gängige Mechanismen, die bei Abhängigen Rückfälle provozieren: Weil bestimmte Orte oder Situationen positive Gefühle und Assoziationen wecken – nämlich zur Droge und dem Rausch, treibt es viele Süchtige auch nach einem Entzug in ihre alte Szene. Zudem ist ihr Belohnungssystem auf die Droge geeicht und ruft daher auch lange nach dem Entzug ein starkes Verlangen nach Heroin hervor. Wie sich zeigte, wirkt der neue Anti-Heroin-Impfstoff gegen beide Effekte: Süchtige Ratten, die gelernt hatten, dass sie immer in einer bestimmten Kammer Heroin bekamen, suchten diese Kammer nicht mehr häufiger auf als andere, wenn sie geimpft worden waren. Bekamen nicht geimpfte Ratten nach längerem Entzug zudem freien, ungebremsten Zugang zu Heroin, steigerten sie ihren Konsum sehr schnell wieder auf extrem hohe Dosen. Mit Anti-Heroin-Impfstoff behandelte Tiere zeigten diese Steigerung dagegen nicht, wie die Forscher berichten.
“Diese Ergebnisse demonstrieren, dass der Impfstoff die psychoaktive Wirkung der Droge blockiert und auch die Mechanismen unterdrückt, die zu einem Rückfall in die Sucht führen”, konstatieren Schlosburg und seine Kollegen. Da das Mittel spezifisch nur auf Heroin und seine Abbauprodukte wirke, lasse sich eine solche Impfung auch gut mit herkömmlichen Substitutionstherapien kombinieren. Im Gegensatz zu Opiatblockern wie Naltrexon erlaube es zudem weiterhin eine wirksame Schmerztherapie mit Opioid haltigen Mitteln. Da das Trägermolekül des Rattenimpfstoffs nicht für den Menschen zugelassen ist, muss dieses erst noch gegen einen Ersatzstoff ausgetauscht werden, bevor man den Anti-Heroin-Impfstoff auch am Menschen testen kann, betonen die Forscher. Doch dann verspreche die Vakzine eine neue und wirksame Therapie gegen die Heroin-Abhängigkeit.
Joel Schlosburg (Scripps Research Institute, La Jolla) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1219159110 © wissenschaft.de – ===Nadja Podbregar





