Wie Adern durchziehen sie viele Landschaften: Die Ströme und Flussnetze der Erde bilden die Lebensgrundlage zahlreicher Organismen, transportieren viele unterschiedliche Substanzen und spielen damit eine wichtige Rolle für den globalen Stoffkreislauf. Naturbelassen sind jedoch nur noch wenige Flusssysteme der Welt. Durch Dämme und Staustufen, die der Energiegewinnung, der Schifffahrt, der Bewässerung und Regulierung dienen sollen, hat der Mensch ihnen seinen Stempel aufgedrückt. Im Jahr 2019 ergab bereits eine Studie, dass nur noch etwa ein Viertel der 242 längsten Flüsse der Erde ohne Hindernisse bis zum Meer fließen. Diese Fragmentierung beeinträchtigt dabei bereits erheblich die entsprechenden Ökosysteme sowie die Stoffkreisläufe.
Ausbau zum Wohl der Welt?
Wie ein internationales Forscherteam nun berichten, soll das freie Fließen allerdings noch deutlich mehr eingeschränkt werden: An vielen Flüssen der Welt sind neue Staustufen geplant. Meist sollen sie einem eigentlich nachhaltigen Ziel dienen – der Erzeugung von Strom ohne Treibhausgasemissionen oder Atomkraft. Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher die geplanten Dammprojekte an den Flüssen der Welt systematisch erfasst und ihre Effekte ausgewertet. „Aus unseren Daten geht hervor, dass weltweit Flüsse mit einer Gesamtlänge von 260.000 Kilometern durch den Bau von neuen Wasserkraftwerken beeinträchtigt würden – das entspricht in etwa der Länge einer sechsfachen Erdumrundung. „Diese Flüsse würden in Folge der Staudämme ihren Status als frei fließend verlieren“, sagt Co-Autor Klement Tockner von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main.
Auch die weltweit größten Flüsse wie der Amazonas oder der Kongo sind betroffen. Es ist zu befürchten, dass dies mit massiven Beeinträchtigungen auf die einzigartige biologische Vielfalt und die vielfältigen Leistungen dieser Gewässer verbunden wäre, sagen die Wissenschaftler. Doch wiegt der Nutzen der klimafreundlichen Energieerzeugung nicht die Schäden auf? Aus den Berechnungen der Forscher geht hervor, dass alle geplanten Staudämme insgesamt nur einen geringen Beitrag leisten könnten: Sie würden weniger als zwei Prozent der erneuerbaren Energie beisteuern, die bis 2050 benötigt wird, um den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 Grad Celsius zu halten.
Sorgfältiges Abwägen gefragt!
„Es handelt sich um einen verschwindend kleinen Beitrag, wenn man ihn mit den potenziell verheerenden Folgen für die derzeit verbleibenden, frei fließenden Flüsse sowie die Menschen und Arten, die von diesen abhängen, vergleicht“, sagt Tockner. „Wir müssen verhindern, dass Gewässer die größten Verlierer des Pariser Abkommens werden. Erneuerbare Energie kann nicht mit umweltfreundlicher und klimaneutraler Energie gleichgesetzt werden. Beide Herausforderungen müssen gemeinsam bewältigt werden, weil sonst klimaschonende Maßnahmen massive, umweltschädigende Folgen haben können“, so Tockner.





