Forscher rätseln, was in der Antarktis los ist: Die Messungen widersprechen sich zum Teil. bild der wissenschaft dokumentiert die aktuelle Situation.
Das Gespenst geht wieder um: Jüngste Beobachtungen lassen befürchten, dass der Meeresspiegel viel schneller steigt, als es Klimaforscher bisher für möglich gehalten haben. Während das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in seinem letzten Report von 2001 noch von einer Hebung zwischen 9 und 88 Zentimeter in diesem Jahr- hundert ausging, warnen heute einige Experten bereits vor einer Katastrophe. Und die Medien setzen noch eins drauf: „Holland geht bald baden”, titelte die Schweizer „Sonntagszeitung” im April.
Das Abschmelzen der Eiskappen auf Grönland und in der Antarktis könnte nicht Jahrtausende dauern, wie bisherige Simulationen ergaben, sondern nur Jahrhunderte, befürchtet Geowissenschaftler Michael Oppenheimer von der Princeton University. Und Forscher um Bette Otto-Bliesner vom National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, sind einem beängstigenden Schaukel-Effekt auf der Spur: Während der letzten Warmzeit vor rund 130 000 Jahren, so ihre Analyse, habe das schmelzende Grönland-Eis den Meeresspiegel rasch steigen lassen, wodurch der antarktische Eisschild ins Rutschen geraten sei.
Heute herrschen vergleichbare Bedingungen wie damals – und ein ähnliches Szenario scheint sich abzuzeichnen. In den vergangenen Jahren haben bereits viele Gletscher auf Grönland, in der Westantarktis und auf der Antarktischen Halbinsel ihre Fließgeschwindigkeit erheblich erhöht. Manche schieben sich jeden Monat um einen Kilometer und mehr ins Meer – doppelt so schnell wie noch vor fünf bis zehn Jahren.
Bisher gingen Glaziologen davon aus, dass die riesigen Eisschilde im hohen Norden und tiefen Süden nur behäbig auf den Klimawandel reagieren und im Lauf von Jahrtausenden mehr oder weniger kontinuierlich abschmelzen. Jetzt sieht es so aus, als ob sie ausgesprochen hektisch antworten. Falls sich die Gletscher tatsächlich schubweise voranschieben – und das ist noch unklar –, hieße das, dass die Eisschilde in Etappen ausbluten.
Die Beobachtungen sind umso bedrohlicher, als niemand genau weiß, warum die Eisflüsse plötzlich wie entfesselt lospreschen. Wahrscheinlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Auf der Antarktischen Halbinsel scheint das Schelfeis schuld zu sein, von dem seit einigen Jahren große Teile wie das Glas einer splitternden Windschutzscheibe zerbröseln. Ohne diese Barrieren, hinter der sich das Eis gestaut hatte, können die Gletscher leichter ins Meer abfließen – bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat. In der Westantarktis, wo Dauerfrost herrscht, könnte dagegen Meerwasser, das sich um wenige Zehntelgrade erwärmt hat, unter die Gletscher gedrungen sein und deren Reibung verringert haben. Denn das meiste Eis gründet hier unterhalb des Meeresspiegels. Auf Grönland wiederum sickert wahrscheinlich Schmelzwasser von oben durch Spalten bis zum Gletschergrund durch und lässt die Eisströme leichter über Fels und Geröll rutschen.
Obwohl sich die beängstigenden Meldungen häufen, fehlt die letzte Gewissheit, was eigentlich an den Polen los ist. Die Forscher sind sich nicht einmal einig, ob die Eisschilde tatsächlich an Substanz verlieren. Denn verstärkter Schneefall könnte einen erheblichen Teil der Verluste ausgleichen. Die wenigen Messungen der Meteorologen liefern kein umfassendes Bild vom Zustand der lebensfeindlichen Regionen. Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven wollten die Eisschilde deshalb mit einem Satelliten vermessen, genauer als jemals zuvor. Doch Anfang Oktober 2005 ging CryoSat beim Start im russischen Raumbahnhof Plesetsk verloren. Das ist äußerst ärgerlich, denn das neuartige Radar-Altimeter an Bord sollte nicht nur das Relief des Festlandeises an beiden Polen zentimetergenau ermitteln, sondern auch die Dicke des Meereises. Aus der Höhe der einzelnen Schollen über dem Wasserspiegel hätte sich deren Mächtigkeit genau berechnen lassen. Die AWI-Forscher müssen voraussichtlich drei Jahre warten, bis CryoSat II abhebt.
Amerikanische Forscher haben einen anderen Weg gewählt, um die Eis-Verluste abzuschätzen. Sie suchen nach Änderungen im Schwerefeld der Erde, das der Satellit Grace seit 2002 vermisst. Isabella Velicogna und John Wahr von der University of Colorado in Boulder berechneten daraus, dass die Antarktis zwischen 2002 und 2005 jedes Jahr 152 Kubikkilometer Eis verloren hat und damit 0,4 Millimeter zum jährlichen Meeresspiegelanstieg beitrug. Das ist doppelt so viel wie bislang gedacht und ein beträchtlicher Anteil am gesamten Anstieg von schätzungsweise zwei bis drei Millimeter jährlich. Vor allem die Westantarktis soll an Substanz eingebüßt haben. Allerdings stecken in diesen Berechnungen erhebliche Unsicherheiten.
Andere Daten sprechen dafür, dass die Situation in der Antarktis nicht ganz so brisant ist wie in der Arktis. Während im Norden die zugefrorene Meeresfläche rapide abnimmt, hat sich an ihr im Süden kaum etwas verändert. Die Ausdehnung des Meereises lag im letzten Jahr sogar über dem langjährigen Mittel – wie schon im Jahr davor. Nur auf der Antarktischen Halbinsel macht sich der Klimawandel immer deutlicher bemerkbar. Radaraufnahmen vom März, also aus dem antarktischen Spätsommer, belegen, dass sich die Schmelzzonen innerhalb eines Jahres um 300 bis 400 Kilometer nach Süden vorgeschoben haben. Bis zum 70. Breitengrad waren Schnee und Eis oberflächlich aufgetaut – was sich auf Radarbildern als dunkle Färbung bemerkbar macht.
Auch das Schelfeis längs der Halbinsel hat im letzten Jahr weiter an Substanz verloren. Im Februar brach ein kleines Stück von gut 1000 Quadratkilometern – einem Drittel des Saarlandes – von Larsen B ab. Diese Region vor der Antarktischen Halbinsel ist bereits 2002 auseinandergebrochen. Nur ein kleiner Teil, weniger als ein Viertel, ist übrig geblieben. Und Larsen C, weiter im Süden, büßte noch mehr Eis ein – rund 5000 Quadratkilometer. Ob es sich dabei um übliche Abbrüche handelt oder ob der Klimawandel dahinter steckt, können die Experten bislang nicht sagen. ■
KLAUS JACOB, freier Wissenschaftsjournalist in Stuttgart, zieht in bdw jährlich Bilanz über die Veränderungen des Weltklima-Motors Antarktis, zuletzt im Juli 2005.
Klaus Jacob
Ohne Titel
• Einige Gletscher der Antarktis schieben sich mit rasantem Tempo ins Meer.
• Doch die Messdaten belegen bislang nicht eindeutig, ob der südliche Eisschild insgesamt geschrumpft ist.
COMMUNITY Lesen
Über 100 Wissenschaftler geben in 60 Beiträgen einen aktuellen Überblick über Veränderungen in Arktis und Antarktis:
José L. Lozán (Hrsg):
Warnsignale aus den Polarregionen
Wissenschaftliche Auswertungen, Hamburg 2006. € 35,–
Optisch hervorragend aufbereitete und verständliche Zusammenfassung einer umfassenden Studie über Klimaveränderungen in der Arktis und ihrer Auswirkungen für die Region und die Welt:
Michael Benthack, Maren Klostermann
Der Arktis-Klima-Report
Convent Verlag, Hamburg 2005, € 16,90
Internet
Homepage des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven:
www.awi-bremerhaven.de
Die teilweise konträren Forschungs- resultate des British Antarctic Survey:
www.antarctica.ac.uk





