Wo viele Menschen wohnen, kommen immer noch mehr dazu. Für die einen geht es in den Riesenstädten ums nackte Überleben, für die anderen um das Mega-Geschäft.
„Wohnst Du noch, oder lebst Du schon?” fragt ein großes schwedisches Einrichtungshaus, das allein im letzten Jahr über 400 Millionen Kunden in aller Welt mit Möbeln versorgte. Für die Slumbewohner in den Megastädten ist das eine fremde Welt. In ihrem täglichen Überlebenskampf geht es nur um „Lebst Du noch?”. Von Wohnen kann keine Rede sein. Im Schnitt hat jeder dritte Stadtbewohner auf der Welt keine richtige Behausung und muss ohne Wasser und Strom auskommen – das sind laut den Vereinten Nationen (UN) rund eine Milliarde Menschen. Trotzdem zieht es in den Entwicklungsländern immer mehr Landbewohner in die Megastädte. Denn selbst die ärmsten Stadtghettos bieten mehr Gelegenheitsjobs, Ausbildung, Lebensmittel und medizinische Versorgung als das Land. Der Kampf ums Überleben dort bringt Überraschendes hervor: So ist der Alltag im Armutsviertel Dharavi der indischen Megacity Mumbai geprägt von Kleinindustrie wie Müllverwertung und Handwerkskunst und von einer beeindruckenden Selbstorganisation. Über die Jahre hinweg sind feste Strukturen wie Wege und gemauerte Hütten entstanden.
Der Soziologe Martin Fuchs von der University of Canterbury im neuseeländischen Christchurch ist sogar überzeugt, dass solche Slums anonymen Hochhausburgen etwas voraus haben: Sie sind – anders als Reißbrettstädte – organisch gewachsen und es herrscht nachbarschaftlicher Zusammenhalt statt Vereinsamung. Viele Umsiedlungsprojekte in Wohnblocks schlagen fehl, weil die Menschen an eine horizontale, ebenerdige Lebensform auf engem Raum gewöhnt sind und nicht zu einer vertikalen anonymen Form wechseln wollen. Man sollte die Mechanismen aus diesen Siedlungen studieren und auf die Stadtplanung übertragen, schlägt der britische Um- weltexperte und Publizist Fred Pearce deshalb vor. Doch Indiens Finanzzentrum Mumbai (ehemals Bombay) hat andere Pläne mit seinen Slumbewohnern. Was, erfahren Sie im Stadtporträt „Mumbai: Bauen und Wohnen – kostenlos.” Die 23 Megastädte dieser Welt mit jeweils mehr als 10 Millionen Einwohnern vereinen das Beste und das Schlechteste in sich: Einerseits kurbeln sie als Kraftwerke der Globalisierung die Weltwirtschaft an, andererseits verdichten sich hier Umweltverschmutzung, Hunger und Kriminalität. Durch das dichte Stadtnetz können viele Menschen mit relativ geringem Transport- und Energieaufwand versorgt werden, aber manche Städte wuchern auch so unkontrolliert, dass sie kam noch zu regieren sind. Fest steht: Die Weltbevölkerung wächst weiter. 2050 soll es nach Schätzungen der UN 9,2 Milliarden Menschen auf der Erde geben. Und dann, darin sind sich die Experten der internationalen Kommission „Urban 21″ einig, sind sie besser in den Städten aufgehoben als auf dem Land. Denn das muss als Anbaufläche für Lebensmittel und als Lebensraum für Tiere erhalten bleiben. Doch wie misst man überhaupt das Wachstum von Millionenmetropolen wie Shanghai, Lagos oder Mexico City, in denen täglich neue Menschen eintreffen?
Meistens verlässt man sich auf die Schätzungen der UN, die seit den Siebzigerjahren Erhebungen (Volkszählungen, Mikrocensus) durchführt und mit Luftaufnahmen ergänzt. Doch die Rückschau zeigt, dass die UN regelmäßig daneben lag. Die Wachstumszahlen waren konstant zu hoch. Etwa in Lateinamerika: Hier schätzten die Analysten 1980 das Bevölkerungswachstum bis 2000 um 20 Prozent zu hoch ein. „Ein möglicher Fehler könnte sein, dass die UN Geburts- und Sterberaten nicht einbezieht”, schrieb der Demograph Mark R. Montgomery von der University of Michigan kürzlich in der Fachzeitschrift Science.
WENIGER STADTKINDER
Sofern man den Zahlen trauen kann, wachsen die Megacitys in den Entwicklungsländern zu 60 Prozent aufgrund des Geburtenüberschusses und zu 40 Prozent durch Zuzug. Doch anders als man meinen könnte, gehen in letzter Zeit die Geburtenraten in den städtischen Gebieten zurück. Erst wurden die Familien in Europa kleiner, dann in Asien (in China durch die Ein-Kind-Politik), und jetzt beginnt der Rückgang auch in afrikanischen Städten. In Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba (rund drei Millionen Einwohner) ist der Unterschied zwischen Stadt und Land am größten: Stadtfamilien haben im Schnitt vier Kinder weniger. In der Stadt ist jedes Kind eine größere finanzielle Mehrbelastung als auf dem Land. Deshalb wird sich dort auch in der ärmeren Bevölkerung der Trend durchsetzen, weniger, aber dafür besser ernährte und gebildete Kinder zu haben, prognostizierte die Professorin für Evolutionäre Anthropologie am University College London, Ruth Mace, kürzlich in einem Science-Artikel.
In den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenstädten wie Lagos, Kairo, São Paulo und Delhi geht es für viele Menschen um die Grundversorgung. Ganz andere Probleme haben die industrialisierten Metropolen wie New York, Tokio oder Deutschlands einziger Mega-Ballungsraum, das Ruhrgebiet (siehe Stadtporträt „Ruhrmetropole: das deutsche Florida”), in denen das Bevölkerungswachstum stagniert.
Die Metropole Tokio ist stark von Erdbeben und anderen Naturkatastrophen bedroht. Um im Ernstfall einen Kollaps zu vermeiden, werden derzeit im Untergrund die Versorgungsleitungen gesichert. Wie das geschieht, lesen Sie im Stadtporträt „Tokio: Rettende Tunnel”. Zusammen mit den Trabantenstädten Yokohama, Kawasaki und Chiba ist Tokio mit 36 Millionen Einwohnern der größte Agglomerationsraum der Welt. Die Stadt hat ihre Einwohnerzahl innerhalb von 50 Jahren verdreifacht – ohne dabei unregierbar zu werden. Das gelang nur, weil ein Mindestmaß an Wohlstand und Wirtschaftswachstum gegeben war, heißt es in einem Papier über „Die urbane Wende” des deutschen Bundesministeriums für Forschung und Bildung. Und das boomende London hat nicht nur ein altes, marodes Wassersystem, sondern litt auch an einem desolaten Verkehrssystem – bis 2003 eine City-Maut endlich für Abhilfe sorgte.
Das Verkehrsaufkommen im Stadtinneren sank daraufhin um rund 20 Prozent, die Zahl der Staus ging deutlich zurück. New York, Shanghai und Sydney wollen deshalb ebenfalls ein Mautsystem einführen. Ob die Zusatzsteuer ein Allheilmittel ist, bleibt allerdings fraglich. Zunächst einmal muss das Straßennetz einer Stadt eine solche Regelung überhaupt ermöglichen, und vor allem muss es genügend öffentliche Verkehrsmittel geben.
DEUTSCHE PACKEN MIT AN
Wo es Probleme gibt, stehen deutsche Wissenschaftler, Stadtplaner und Politiker mit zahlreichen Projekten parat: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die „ Megastädte von Morgen”. So hat es an der Universität im brasilianischen Curitiba südwestlich von São Paulo den Studiengang „Kommunaler und industrieller Umweltschutz” eingerichtet. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert sechs Jahre lang Projekte in Bangladesh und China mit den Schwerpunkten Regierbarkeit, Ökonomie, Stoff- und Ressourcenflüsse sowie Siedlungsentwicklung. Die Helmholtz-Gemeinschaft hat gleich fünf ihrer Institute auf die Megastädte Lateinamerikas angesetzt. Darunter ist São Paulo, Brasiliens größtes Ballungszentrum mit 19,6 Millionen Einwohnern (mehr dazu im Stadtporträt „São Paulo: Ein toter Fluss als Lebensader”).
Die Zahl wird in Chongqing niemanden beeindrucken. 2400 Kilometer am Jangtse flussaufwärts von Shanghai haben sich 31 Millionen Chinesen auf einer Fläche so groß wie Österreich niedergelassen. Einen Stadtplan kann man hier vergessen. Angeblich ist das „chinesische Manhattan”, wie die Megacity auch genannt wird, die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Jedes Jahr wandern rund eine halbe Million Menschen ein. Ständig wird um- und ausgebaut – so lange das Baumaterial reicht. Auch wirtschaftlich gilt Chongqing als Chinas Zugpferd: Das Bruttoinlandsprodukt stieg 2007 um 15,3 Prozent – das sind 4 Prozent mehr als im Rest des Landes. Hier und in Shanghai (Stadtporträt: „Shanghai: Süchtig nach Rekorden”) manifestiert sich am deutlichsten der Wandel Chinas vom Agrarstaat zum größten Städtestaat der Welt.
China hat noch einen Superlativ an Mega-Urbanisierung zu bieten: das Perlflussdelta an der Südostküste. Hier verwachsen derzeit die Sonderverwaltungszonen Hongkong und Macao, die Sonderwirtschaftszonen Shenzhen und Zhuhai und die Millionenstädte Foshan, Dongguan und Guangzhou (früher Kanton). Macht zusammen: 48 Millionen Menschen. Damit sich diese Distrikte besser vernetzen können, soll sich über das Mündungsdelta des Perlflusses demnächst eine 30 Kilometer lange Brücke spannen – für rund 60 Milliarden Hongkong-Dollar. Geld spielt offenbar keine Rolle. Die beschleunigte Lebensweise macht sich sogar im Lauftempo der Fußgänger bemerkbar, wie der exzentrische Psychologe Richard Wiseman von der britischen University of Hertfordshire feststellte: Durch Guangzhou strömen die Menschen im Schnitt um 20 Prozent schneller als vor 15 Jahren. Nur in Singapur sind sie noch rascher geworden – um 30 Prozent. Hier schaffen die Passanten im Schnitt 18 Meter in etwas mehr als 10 Sekunden.
Menschenansammlungen der Superlative – damit kann nur die USA Schritt halten: Das Größte, was die Amerikaner zu bieten haben, ist „BosWash”, das 1000 Kilometer lange Städteband an der Ostküste zwischen Boston und Washington D.C., inklusive New York, Philadelphia und Baltimore, mit zusammengenommen immerhin 44 Millionen Einwohnern. ■
von Cornelia Varwig
STADTLUFT MACHT FREI?
Seit Jahrzehnten zieht es die Bevölkerung immer mehr weg vom Land. 2008 leben erstmals weltweit mehr Menschen in den Städten. Laut Prognosen setzt sich der Trend bis mindestens 2015 fort.
Die Metropolen DER WELT
Prognose 2015: In Asien wird die Megaurbanisierung am meisten zunehmen. Mit Tokio und dem Perlflussdelta gibt es dort die größten Menschenansammlungen der Welt. In Europa gehören London, Paris, die Ruhrmetropole und Moskau zu den Riesenstädten mit zehn Millionen Einwohnern oder knapp darunter. In Amerika und Afrika wuchern nur wenige Städte.
GUT ZU WISSEN: Megacitys
· Den Begriff Megacity prägten in den Siebzigerjahren die Vereinten Nationen (UN). Sie bezeichnen damit seither Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Bisweilen wird auch die Bevölkerungsdichte als Maßstab genommen: Dann ist ab 2000 Einwohnern pro Quadratkilometer von einer Megacity die Rede.
· Rückblickend gab es 1950 mit New York und Tokio zwei Städte, die der UN-Definition entsprachen. Heute sind es bereits 23. In diesen Städten leben rund 7 Prozent der Weltbevölkerung und über 12 Prozent aller Stadtbewohner der Erde.
· Im Jahr 2008 war laut UN zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten zu Hause: 3,3 Milliarden Menschen. Mehr als ein Drittel davon leben in Slums. Analysten der UN gehen davon aus, dass 2030 sogar zwei Drittel der Menschheit in Städten wohnen werden.
· Der Begriff Megacity ist quantitativ und unterscheidet sich deshalb von dem der Global City. Diese Städte sind international vernetzt, beherbergen Firmenzentralen und große Banken und stellen ein wichtiges Dienstleistungszentrum dar. Die einzigen Megacitys, die auch als Global Citys bezeichnet werden, sind Tokio und New York, manchmal auch Seoul, Los Angeles und São Paulo.
· Die Steigerung von Megacity: Städte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern heißen Meta- oder Hypercity. Gemäß Schätzungen der UN werden nach Tokio und Chongqing im Jahr 2015 Mexico City und São Paulo dazu gehören, 2020 auch Delhi, Jakarta, Lagos, Dhaka und New York.
HÄUSER ZÄHLEN AUS DER LUFT
Wie erhebt man die Einwohnerzahl von Megacitys?
Das ist von Land zu Land und von Stadt zu Stadt verschieden. Grundlage ist meist eine Volkszählung. In manchen Städten kommen Erhebungen als Mikrozensus dazu, die punktuell, zum Beispiel in Slums, die Bevölkerungszahl erfassen. Dabei gehen die Beauftragten von Haus zu Haus.
Warum kann die Zahl trotzdem um 20 bis 30 Prozent schwanken?
Die Befragungen liegen oft Jahre auseinander. Bei einem jährlichen Wachstum der Städte von drei bis acht Prozent ändert sich in dieser Zeit viel. Hinzu kommen die Wanderungsbewegungen, die nur sehr schwer abzuschätzen sind. Manchmal treibt eine Missernte Hunderttausende Menschen zusätzlich in die Städte. Je nach wirtschaftlicher Lage bleiben sie oder ziehen wieder aufs Land.
Wie wollen Stadtforscher in Zukunft die Bevölkerungszahlen im Auge behalten?
Wir experimentieren in Delhi gerade mit einer Kombination aus Haushaltsbefragungen und hochauflösenden Satellitenbildern. Die Bilder zeigen die Art und Zahl der Behausungen eines Viertels, und die Befragung liefert die durchschnittliche Zahl der Hausbewohner. Mithilfe dieser Daten wollen wir von Testfeldern auf die gesamte Stadtbevölkerung hochrechnen. Ob sich der Ansatz bewährt, muss sich zeigen. Flächendeckende Haushaltsbefragungen kosten viel Geld, das einige Städte nicht haben. Oft sind die Zahlen für die Verantwortlichen nicht wichtig genug. Für Menschen in Slums wird selten geplant.
KOMPAKT
· Die Bevölkerungsprognosen der UN sind häufig zu hoch.
· Entgegen landläufiger Annahmen gehen die Geburtenraten in den großen Städten tendenziell zurück.
· In China wachsen die Megacitys am schnellsten.
MEHR ZUM THEMA
LESEN
Alex Rühle (Hrsg.) MEGACITYS Die Zukunft der Städte Beck, München 2008, € 9,95
Atlas mit Satellitenaufnahmen von vielen Megastädten mit Informationen, Karten und Statistiken: Lothar Beckel (Hrsg.) MEGACITIES Geospace Verlag, Salzburg 2001, € 52,–
INTERNET
Die „MegaCity TaskForce” der Universität Köln: www.megacities.uni-koeln.de
Das Megacity-Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: www.emerging-megacities.org/seiten-kopf/startseite/startseite-de.aspx
Georg-Simmel-Zentrum für Metropolen- forschung: www.gsz.hu-berlin.de/php/index.php
Masterplan zur Umstrukturierung Mumbais: www.mmrdamumbai.org
Das neue Wohnkonzept für das Ruhrgebiet: www.smarterwohnen.net
Wenn Sie mehr über die Megacitys von Morgen und die Herausforderungen bei ihrer Planung erfahren wollen: Die Redaktion von SWR2 Wissen (www.swr2.de/wissen) des Südwestrundfunks hat zu diesem Thema das halbstündige Feature GEBALLTER RAUM produziert. Hören können Sie es unter www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/archiv/-/id=660334/nid=660334/did=1647630/ 1l3dbwn/index.html Die Sendung ist auch im Wissen Podcast zu hören und zu abonnieren: mp3.swr.de/swr2/wissen/podcast/swr2-wissen-20060808-geballter-raum—leben-in-megacity.6444m.mp3





