Und Gorleben wurde vor allem deswegen gewählt, weil es an der Grenze lag.
Ja, die DDR hat offiziell protestiert; aber die brauchten Devisen, die konnte man hintenrum leicht ködern.
Sie weisen nach, dass diese Planlosigkeit von Anfang an herrschte – es gab keine einheitliche Strategie, keine systematische Forschung über den geeignetsten Reaktortyp; es ging sogar anfangs, in den 50er Jahren, noch nicht mal um Energiepolitik.
Es war zu Beginn ein wildes Durcheinander verschiedener Politiken. Bei Adenauer und Strauß ist hinterher rausgekommen, dass sie im Grunde genommen auf
eine bundesdeutsche Atombombe abzielten …
… der alte Vorwurf der Anti-AKW-Bewegung.
Man weiß nicht, ob sie die Bombe tatsächlich bauen wollten, aber sie wollten zumindest die Option offenhalten, aus politisch-taktischen Gründen. Um mitreden zu können bei den Großen, bei EURATOM und NATO, um von den Amerikanern ernst genommen zu werden. Die Atomphysiker hingegen wollten die Bombe gar nicht, die haben ja sogar dagegen protestiert. Die Energiewirtschaft wiederum war lange Zeit an der Atomkraft überhaupt nicht interessiert, RWE zum Beispiel hatte gerade die riesigen Braunkohlefelder erschlossen. Und Siegfried Balke, der von 1956 bis 1962 Atomminister war, konnte mit der Kernenergie auch wenig anfangen; der wollte vor allem staatlich organisierte Großforschung und ein richtiges Wissenschaftsministerium.
Das Atomministerium war also nicht, wie man denken könnte, die zentrale Instanz?
Das war ein Kuriosum. Es war winzig klein, ein paar Beamte, die in einem Hotel untergebracht waren, es hatte kaum Kompetenzen, und niemand wusste so recht, warum es überhaupt existierte. Weil das niemand beantworten konnte, gab es sogar das Bonmot, es sei ja schließlich das „Ministerium für Atom-Fragen“ und nicht für Antworten!
Trotzdem gab es Entwicklungen. Die Option auf die Bombe zum Beispiel führte dazu, dass man zunächst einen bestimmten Reaktortyp favorisierte.
Man setzte anfangs auf Schwerwasserreaktoren ( bei denen die Kettenreaktion von „schwerem Wasser“ gesteuert wird, das statt Wasserstoff Deuterium enthält, die Red. ). Die hatten den Vorteil, dass man Natururan verwenden konnte, statt es mühsam anreichern zu müssen, und dass dabei Plutonium entstand, das man für die Bombe brauchte. Es gab ja auch schon einige Vorarbeiten dazu aus der Nazizeit.
Trotzdem wurden erst mal keine deutschen Schwerwasserreaktoren gebaut. Warum?
Es ist sehr aufwendig, das schwere Wasser zu produzieren. Die Farbwerke Höchst, die das machen sollten, kriegten es nicht hin, und die Amerikaner wollten
keines liefern. Außerdem verflüchtigte sich im Lauf der Jahre die Motivation. Eine deutsche Atombombe war ja in der Gesellschaft nicht ansatzweise durchsetzbar, das konnte niemals ein offizielles Politikziel sein.


natur: Herr Radkau, nach 50 Jahren Atomenergie und nachdem in Gorleben bereits anderthalb Milliarden Euro ausgegeben worden sind, wird jetzt erstmals systematisch ein Endlager gesucht. Ist das bezeichnend für die deutsche Atomwirtschaft?

Joachim Radkau, Jahrgang 1943, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Bielefeld, ist einer der profiliertesten deutschen Umwelthistoriker. Seine 1983 erschienene Habilitationsschrift „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“, die aus zahlreichen, inzwischen unzugänglichen Quellen schöpft, gilt immer noch als Standardwerk.
Jetzt hat Joachim Radkau zusammen mit dem Physiker Lothar Hahn, dem ehemaligen Leiter der Reaktorsicherheitskommission, die Geschichte bis heute fortgeschrieben. Hahn war zudem Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission.
