Was passiert im Gehirn, wenn sich die Leser einer Abenteuergeschichte mit den Helden identifizieren? Mit dieser Frage haben sich zwei französische Wissenschaftler “Institut nationale de la santé et de la recherche médicale” (INSERM) in Lyon beschäftigt. Ihren Erkenntnissen zufolge findet das Sich-Hineinversetzen in die Lage anderer in der Region des prämotorischen Cortex statt. Die Fähigkeit, gedanklich die Perspektive eines anderen einzunehmen, ist von zentraler Bedeutung für die soziale Interaktion. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher in “Nature Neuroscience” veröffentlicht.
Das kann nur der Mensch: im Geiste eine Existenz zu durchleben, die mit der eigenen Realität nichts zu tun hat. Und auch, wenn der seriöse Bankkaufmann es sich vielleicht versagt, sich als James Bond zu denken, braucht er diese Fähigkeit grundsätzlich, um die Handlungen und Absichten anderer Menschen einschätzen zu können. Um diese kognitive Fähigkeit im Gehirn zu orten, haben Jean Decety und Perrine Ruby Versuchspersonen mit Hilfe der Positronen-Emissionstomographie (PET) untersucht. Sie stellten ihnen zwei Arten von Aufgaben: Zum einen sollten sie sich die Ausführung einer Handlung vorstellen, bei der sie selbst das Subjekt sind, und zum anderen sollten sie sich dieselbe Handlung, ausgeführt von einer anderen Person, vorstellen.
Die PET-Aufnahmen zeigten bei beiden Vorstellungen eine erhöhte Gehirnaktivität im prämotorischen Cortex. Wenn die Versuchspersonen gedanklich das Subjekt der Handlung waren, zeigte auch die so genannte somatosensorische Gehirnregion eine erhöhte Aktivität. Stellten sie sich hingegen dieselbe Handlung ausgeführt von jemand anders vor, wurde zusätzlich der parietale Cortex und der Frontallappen der rechten Hemisphäre aktiv. Daraus leiten die Forscher ab, dass der Mensch bei seinen Vorstellungen eine mentale Repräsentation von sich selbst bildet und diese dann projiziert auf die Person, die die Handlung ausführt.
So hält das Gehirn die Unterscheidung zwischen dem “Ich” und dem “Anderen” aufrecht. Dadurch ist einerseits die Möglichkeit gegeben, sich in andere hineinzuversetzen, aber andererseits sich nicht im Anderen zu verlieren. Die Forscher fanden auch heraus, dass genau diese Fähigkeit der Projektion bei manchen Menschen, die an Schizophrenie leiden oder sich als Multiple Persönlichkeit empfinden, gestört ist.
Doris Marszk





