Freiburger Chemiker wollten es genau wissen: Ist die Modedroge Spice gefährlich oder nicht? Sie probierten selbst von dem Kraut – auf der Suche nach dem Quell des Rauschs.
„Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Gesichtsfeld tunnelartig verengte. Es fiel mir unheimlich schwer, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Mein Herz schien zu rasen und mein Mund war wie ausgetrocknet.” So beschreibt Volker Auwärter seinen Zustand, nachdem er – gleichzeitig mit einem Kollegen – ein wenig von der Kräutermischung Spice geraucht hatte. Genau gesagt: 0,3 Gramm. Die beiden Toxikologen taten dies nicht etwa heimlich im stillen Kämmerlein. Ganz öffentlich drehten sie sich am 11. November 2008 in der Raucherecke des rechtsmedizinischen Instituts in Freiburg ihre „Zigarette”. Nur die Anwesenheit eines Arztes deutete darauf hin, dass es sich um einen wissenschaftlichen Selbstversuch handelte. Zwei Monate später, am 19. Januar 2009, wurde Spice aus dem Verkehr gezogen – weil es zwei gefährliche künstliche Rauschmittel enthält.
Im Sommer 2008 war Spice in Deutschland durch Medienberichte bekannt geworden. Davon profitierten vor allem die Verkäufer in den sogenannten Headshops – Läden, in denen Cannabis-Konsumenten Zubehör kaufen können – und im Internet. Bereits Ende Oktober hatten sie Lieferschwierigkeiten, so sehr war die Nachfrage nach dem legalen Marihuana-Ersatz gestiegen. Der britische Hersteller „ Psyche Deli” hatte Spice geschickt als harmlose Räuchermischung zum Beduften von Räumen getarnt. Allerdings berichteten Konsumenten in einschlägigen Internetforen von Herzrasen, Angstzuständen oder Halluzinationen, nachdem sie Spice geraucht hatten. Auch Polizeibeamte wurden hellhörig. Immer häufiger griffen sie bei Verkehrskontrollen Personen auf, die unter Marihuana-Einfluss zu stehen schienen. Da die gängigen Drogentests negativ waren, ließen sie die Blut- oder Urinproben der scheinbar Bekifften vom rechtsmedizinischen Institut in Freiburg untersuchen.
Lotus und Löwenschwanz
„Die laut Deklaration in Spice enthaltenen Pflanzen sind geschickt gewählt: Sie könnten durchaus bioaktive Inhaltsstoffe enthalten”, erklärt Auwärter. Viele der Kräuter, die sich hinter Spice verbergen, werden seit Langem als Heilpflanzen eingesetzt. Der indische Lotus beispielsweise wird in China benutzt, um Blutungen zu stillen. Der Sibirische Löwenschwanz heißt auf Spanisch auch „Marihuanillo” („kleines Marihuana”), weil er wie sein großer Bruder Schmerzen lindert. „Um eine Rauschwirkung zu erzielen, müsste eine Person größere Mengen der Pflanzen konsumieren”, ist sich Auwärter sicher. Also alles nur ein PR-Gag um harmloses Grünzeug? Die Freiburger Forscher wollten es wissen und starteten ihren Selbstversuch.
„Die Kollegen haben ganz schön gekichert”, erzählt Auwärter, der an diesem Nachmittag des 11. November ziemlich euphorisch schien – das Grünzeug wirkte. Neugierig beäugten die Institutsmitarbeiter das kuriose Schauspiel: Auwärter und sein Mittester drehten sich zunächst auf ihren Bürostühlen im Kreis. Sie prüften – auf einem Bein stehend – ihren Gleichgewichtssinn. Und sie versuchten, mit dem Zeigefinger ihre Nasenspitze zu treffen. Obwohl die Wissenschaftler diese und weitere Tests mit Bravour meisterten, fühlte sich Auwärter erst gegen 21 Uhr sicher genug, alleine mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren. Für die Freiburger war der Selbstversuch ein wichtiger Durchbruch: Erstens konnten sie zeigen, dass Spice eine pharmakologische Wirkung hervorruft. Zweitens stellten sie in ihrem Blut nach dem Rauchen die gleichen Substanzen fest, die sie zuvor als Hauptsubstanzen in der Kräutermischung gefunden hatten. Noch war aber nicht klar, ob es sich bei einer davon tatsächlich um den Wirkstoff handelte. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass der Mischung ein weiterer künstlicher Aromastoff zugesetzt war, denn schon zuvor hatten die Forscher den synthetischen Aromastoff Ethylvanillin in Spice identifiziert.
Wie der hersteller trickste
Zusammen mit dem Bundeskriminalamt identifizierten Auwärter und seine Mitarbeiter schließlich zumindest eine der Substanzen, die für den Spice-Trip verantwortlich ist. Es stellte sich heraus, dass die Hersteller dem Kräutermix eine chemische Variante der Verbindung CP47,497 untergemischt hatten. Die Substanz gehört zu einer Reihe künstlicher Cannabinoide, die Forscher entwickelt haben, um einerseits den Wirkmechanismus der natürlichen Cannabinoide aus der Hanfpflanze (Cannabis sativa) aufzuklären und um andererseits Arzneimittel zu finden, die ohne die psychischen Wirkungen von Marihuana auskommen. Beinahe wäre den Freiburgern diese Entdeckung vor der Nase weggeschnappt worden. Denn gleichzeitig, im Auftrag des Drogenreferats der Stadt Frankfurt, hatte das Pharmaunternehmen THC Pharm die Kräutermischung untersucht. Einen Monat vor den Freiburgern gab die Firma bekannt, das künstliche Cannabinoid JWH-018 in Spice gefunden zu haben. „Die von uns identifizierte Substanz wurde von THC Pharm als Aromakomponente missverstanden”, freut sich Volker Auwärter über sein Glück, die vollständigere Analyse geliefert zu haben.
Gefährlicher als marihuana
Wäre dem Forscher schon vorher klar gewesen, dass nicht eine „ Biodroge”, sondern ein synthetischer Zusatz für die Rauschwirkung von Spice verantwortlich ist, hätte er den Selbstversuch sicher nicht unternommen. „Das wäre mir zu gefährlich gewesen”, sagt der Toxikologe. Was wäre beispielsweise gewesen, wenn die Produzenten bei der Reinigung der Substanzen gespart hätten? „Selbst bei einer Reinheit von 98 Prozent sind 2 Prozent unbekannte potenziell toxische Verunreinigungen vorhanden”, erklärt Auwärter. Die Substanzen JWH-018 und CP47,497 binden an spezielle Rezeptoren in Nervenzellen des menschlichen Gehirns und aktivieren diese um ein Vielfaches stärker als der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, das delta-9- Tetrahydrocannabinol (THC).
Da diese Stoffe die Signalweiterleitung bestimmter Nervenzellen im Gehirn stärker hemmen, könnten Konsumenten möglicherweise sogar sterben, wenn sie zu viel Spice zu sich nehmen. Ob es von Marihuana eine tödliche Dosis gibt, ist hingegen nicht bekannt. Insbesondere bei JWH-018 sieht Volker Auwärter noch ein zusätzliches Risiko: Die Substanz könnte vom Körper zu krebserregenden Stoffen abgebaut werden. „Zusammen mit der hohen Verweildauer von Cannabinoiden im Körper könnte es langfristig zu einer starken Schädigung kommen”, meint der Toxikologe. Der Stoffwechsel der gefundenen künstlichen Verbindungen im Menschen ist bisher noch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Aber gerade Schnelltests der Polizei oder von Suchtkliniken zielen oft auf die Abbauprodukte von Rauschmitteln im Urin, um Drogensünder zu überführen. Eifrig arbeiten die Freiburger daher daran, das Rätsel um die Abbauprodukte von JWH-018 und der CP47,497-ähnlichen Substanz im Urin zu lösen. Dabei helfen ihnen ihre eigenen Ausscheidungen aus dem Selbstversuch.
Mit dem Verbot der beiden Substanzen ist die letzte Schlacht vermutlich noch nicht geschlagen. „Es gibt viele weitere synthetische Cannabinoide, mit deren Auftauchen in Kräutermischungen wir in Zukunft rechnen”, prognostiziert Auwärter. Dass just in den USA ein weiteres, noch wirkungsvolleres synthetisches Cannabinoid in Spice gefunden wurde, gibt ihm recht. ■
von Helmine Braitmaier





