Uralt und ausgesprochen skurril: Die Neunaugen sind fischähnliche Wirbeltiere, die Fossilienfunden zufolge ihren primitiv wirkenden Körperbau seit Urzeiten kaum verändert haben. Sie besitzen einen aalartigen Körper, aber statt Kiefern nur ein rundliches Maul, das mit Zähnchen besetzt ist. Damit heften sie sich an Fische und zapfen ihnen das Blut ab. Entgegen der deutschen Bezeichnung besitzen auch die Neunaugen nur zwei Augen. Der Name geht auf sieben Kiemenspalten, eine Nasenöffnung und das Auge zurück, die seitlich betrachtet zusammen wie neun Sehorgane erscheinen. Die Neunaugen werden den Wirbeltieren zugerechnet, da sie verschiedene Grundmerkmale mit ihnen gemeinsam haben. So besitzen sie vor allem ein Skelett aus Knorpel.
Neben ihren urtümlich wirkenden Eigenschaften, galt bisher vor allem der ungewöhnliche Lebenszyklus der Neunaugen als ein Gruß aus der Frühzeit der Wirbeltierevolution. Nach dem Schlüpfen vergraben sich die augenlosen Larven (Ammocoetes) der heutigen Neunaugen im Flussbett und filtern dort mit borstenartigen Strukturen Nahrungspartikel aus dem Wasser. Erst später verwandeln sie sich dann in die fischartigen Blutsauger. Die Larven unterscheiden sich so sehr von den erwachsenen Tieren, dass Wissenschaftler sie ursprünglich sogar für verschiedene Lebewesen hielten. Später wurden die scheinbar primitiven Larven dann als ein Relikt aus der Entwicklungsgeschichte betrachtet.
Scheinbar urtümliche Larven
“Sie schienen so primitiv, vergleichbar mit wurmartigen Wirbellosen, dass ihre Eigenschaften perfekt zu den Vorstellungen über die Evolution der Wirbeltiere passten. Die modernen Neunaugenlarven wurden deshalb als Modell für den Urzustand verwendet, aus dem die Wirbeltierlinien entstanden sind”, sagt Tetsuto Miyashita von der University of Chicago. „Bisher gab es allerdings keine Beweise dafür, dass eine solch rudimentäre Form bis an den Anfang der Wirbeltierevolution zurückreicht.” Wie Miyashita und seine Kollegen nun zeigen konnten, ist das offenbar auch nicht der Fall.

Ihre Ergebnisse basieren auf der Untersuchung von neu entdeckten Neunaugenfossilien samt Jungtieren, die zu vier ausgestorbenen Arten gehörten. Sie wurden an Fundorten in Südafrika und den USA entdeckt und auf ein Alter zwischen 310 und 360 Millionen Jahre datiert. Im Rahmen ihrer Untersuchungen konnten die Forscher zeigen, dass die kleinsten Individuen noch einen Dottersack trugen, was darauf hinweist, dass es sich um gerade erst geschlüpft Jungtiere gehandelt hat. Die detaillierten Untersuchungen enthüllten dann, dass diese Schlüpflinge bereits große Augen besaßen sowie den typischen gezähnten Saugnapf. Sie ähnelten damit bereits den erwachsenen Tieren. Dies steht somit im deutlichen Kontrast zu den heutigen Neunaugen, die als blinde, wurmartige Larven schlüpfen.





