Die Stimme hinter der Wand
Rossano und seine Kollegen haben beide Theorien nun in einem Experiment überprüft – und gleichzeitig getestet, ob Hunde es auch schaffen, verstecktes Futter nur durch akustische Hinweise zu finden. Denn bisher galten visuelle Signale und vor allem der Augenkontakt als entscheidend für den guten “Menschenverstand”. Der Versuchsaufbau bestand aus einer großen Holzbarriere und zwei identischen Holzboxen. Zu Beginn des Experiments duckte sich die Versuchsleiterin hinter die Barriere und legte versteckt Futter in eine der beiden Boxen. Dann hockte sie sich geduckt so zwischen beide Boxen, dass sie zwar der leeren am nächsten war, aber mit dem Gesicht zur gefüllten Box saß. Sie sagte nun mit freudiger Stimme in Richtung der vollen Box: “Schau mal hier, dies ist aber fein!” Anschließend sollte der Hund eine der beiden Boxen auswählen. Die Crux dabei: Folgt der Hund dabei einfach nur der Stimme der Person, landet er bei der leeren Box. Interpretiert er dagegen die Richtung, in die sie beim Sprechen gewandt ist, dann weist ihm diese – ähnlich wie eine Zeigegeste – den Weg zum Futter.
Wie sich zeigte, verstehen die Hunde sehr gut, dass nicht die Position der Person entscheidend ist, sondern die Richtung, in die sie gewandt ist: “Die meisten der Hunde folgten der Stimme der Studienleiterin mit Erfolg und fanden das versteckte Futter”, sagt Rossano. “Sie meisterten die Aufgabe ebenso gut wie Kleinkinder, wenn nicht besser.” Und dies vom ersten Versuch an, wie die Forscher betonen. Dass die Hunde sich tatsächlich an der Sprechrichtung orientierten, belegte ein Kontrollversuch: Sprach die Versuchsperson nicht in Richtung der gefüllten Box, sondern nach hinten gegen die Wand, fanden die Hunde das Futter nicht. “Das belegt, dass Hunde verstecktes Futter auch ohne visuelle Signale – allein über akustische Informationen – finden können”, so die Forscher. Dies widerlege auch die Annahme, dass Augenkontakt zur Bezugsperson für diese Kommunikation zwischen Hund und Mensch nötig sei.
Kontakt zum Menschen ist entscheidend
Um herauszufinden, ob diese Fähigkeit der Hunde angeboren oder erlernt ist, wiederholten Rossano und seine Kollegen den Versuch mit Welpen im Alter von acht bis 14 Wochen. Einige dieser Welpen lebten in einer Menschenfamilie und hatten daher bereits regelmäßig Kontakt mit Menschen, andere lebten im Zwinger unter Artgenossen. Vor die Aufgabe mit den Boxen gestellt, zeigten sich zwischen beiden Gruppen deutliche Unterschiede: Die Welpen, die in engem Kontakt mit Menschen aufwuchsen, schnitten genauso gut oder teilweise sogar besser ab als die erwachsenen Hunde: Allein an der Sprechrichtung der Versuchsperson erkannten sie, wo sich das Futter verbarg. “Welpen mit wenig Kontakt zum Menschen wählten hingegen scheinbar zufällig die richtige oder falsche Schachtel”, berichtet Rossano.





