Um zu laufen, bedarf es einer fein abgestimmten Koordination der Gliedmaßen. Die Beine müssen in der richtigen Reihenfolge bewegt werden, wobei ihre Position jeweils mit Sinneseindrücken abgeglichen werden muss. Normalerweise werden die entsprechenden Signale im Rückenmark automatisch richtig verarbeitet, sodass die Fortbewegung ohne bewusste Kontrolle funktioniert. Die meisten Tierarten können problemlos zwischen verschiedenen Gangarten wechseln und je nach Spezies beispielsweise trotten, schleichen, galoppieren oder hüpfen.
Laufen im Handstand
Eine seltene Ausnahme bilden Sauteur-d’Alfort-Kaninchen. Dabei handelt es sich um eine spezielle Züchtung von Hauskaninchen, die vor allem durch ihre außergewöhnliche Fortbewegungsart hervorsticht: Sobald sie Tempo aufnehmen wollen, heben sie ihr Hinterteil in die Luft und laufen im Handstand auf den Vorderbeinen. Langsam gehend unterscheiden sie sich hingegen nicht von Artgenossen anderer Rassen. Forscher um Miguel Carneiro von der Universidade do Porto in Portugal haben nun die Ursache dieser Fortbewegungsstörung identifiziert: „Mit einer Kombination aus experimentellen Kreuzungen und Genomsequenzierungen haben wir gezeigt, dass eine einzelne Mutation des RORB-Gens den atypischen Gang dieser Kaninchen erklärt“, berichten sie.
Für ihre Studie kreuzten Carneiro und sein Team zunächst Sateur-d’Alfort-Kaninchen mit normalen Hauskaninchen. Von 52 Enkeln dieser Kaninchen konnten 40 normal hoppeln, zwölf dagegen liefen im Handstand. Anhand von Blutproben analysierten die Forscher das vollständige Genom aller Tiere. Dabei zeigte sich: Alle Handstand-Kaninchen hatten eine Mutation im RORB-Gen. Dieses Gen codiert für einen Rezeptor, der vor allem im Gehirn und in den peripheren Nerven vorkommt. Die Mutation sorgt dafür, dass Sateur-Kaninchen weniger funktionsfähige Rezeptoren im Rückenmark haben.
Gen für die Verdrahtung des Rückenmarks
Nach Ansicht der Forscher können dadurch bestimmte Signale, die für die Koordination der Beine beim Hoppeln verantwortlich sind, nicht korrekt verarbeitet und weitergeleitet werden. Statt also mit beiden Hinterbeinen abzuspringen, um schnell voranzukommen, bewegen die Sateur-Kaninchen ihre Hinterbeine unkoordiniert zur falschen Zeit, was das Hoppeln unmöglich macht. Innerhalb der ersten Lebensmonate lernen sie, diesen Nachteil dadurch auszugleichen, dass sie das gesamte Hinterteil hochheben und allein auf den Vorderbeinen laufen.
Wie die genetischen Analysen zeigten, traf dies nur auf Kaninchen zu, bei denen beide Allele des Gens betroffen waren, die also von beiden Elternteilen die Sateur-Variante geerbt hatten. Bei heterozygoten Individuen, die eine mutierte und eine funktionsfähige Variante hatten, konnten die Forscher zwar etwas weniger intakte RORB-Rezeptoren nachweisen, hoppeln konnten diese Tiere aber normal.





