100 Jahre Acetylsalicylsäure – die dritte Karriere eines Arzneimittels. Die Talente des Wunderstoffes aus der Natur erwiesen sich als überraschend vielfältig. Jetzt halten es Forscher sogar für möglich, die Acetylsalicylsäure (ASS) gegen Krebs oder Alzheimer einzusetzen. Molekulares Design soll den Klassiker weiter verbessern.
Die Acetylsalicylsäure (ASS) – im August 1897 erstmals von dem deutschen Chemiker Felix Hoffmann in chemisch reiner Form hergestellt – ist auch heute noch buchstäblich in aller Munde: Milliarden Menschen auf allen Kontinenten kennen ASS – vorzugsweise unter dem Handelsnamen Aspirin – ebenso viele schlucken das bewährte Medikament. Über 40 000 Tonnen ASS werden jährlich weltweit in Tausenden von Präparaten eingenommen. Einst als besser verträgliches Rheuma-Mittel erdacht, entwickelte sich die Acetylsalicylsäure zur Standardarznei gegen Schmerzen unterschiedlichster Art, Fieber und Entzündungen.
Was macht ASS zu einem derart bemerkenswerten Tausendsassa, der an scheinbar völlig verschiedenen Fronten gegen menschliche Pein kämpft? Sieben Jahrzehnte lang war unbekannt, wie, wo und warum ASS im menschlichen Körper wirkt – ein weiteres erstaunliches Detail in der hundertjährigen Geschichte des Wirkstoffes. Erst Anfang der siebziger Jahre gelang es dem englischen Pharmakologen John Robert Vane vom Royal College of Surgeons in London einen Teil des Geheimnisses zu lüften. Seine Entdeckung erklärte nicht nur, warum die Acetylsalicylsäure wirkt und wie sie wirkt, sondern wurde auch zur Basis für das gezielte molekulare Design künftiger Arzneien. Die Arbeiten von Vane erschienen 1971 in der Zeitschrift “nature”. Danach war klar, wie tief ASS in den Stoffwechsel eingreift: Es hemmt die Bildung von allgegenwärtigen Boten, den Prostaglandinen. Für diese Erkenntnis wurde Vane 1982 mit dem Nobelpreis geehrt.
Wie auch die Zukunft der Cox-2-Hemmer aussehen wird, in einer Hinsicht werde der Gebrauch der klassischen Acetylsalicylsäure wohl in jedem Fall expandieren, prophezeit ASS-Forscher und Nobelpreisträger Vane in “nature”: zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall – trotz sich abzeichnender medikamentöser Alternativen. Denn hier ist gerade die Blockade von Cox-1 erwünscht. ASS hindert die Blutplättchen unwiderruflich daran, Thromboxan herzustellen: Während ihres Lebens – acht bis zehn Tage – sind sie dazu nicht mehr fähig; das fatale Verklumpen (Aggregation) bleibt aus. Vanes Urteil: “Wenn ASS einst als Medikament zur Hemmung der Thrombozyten-Aggregation entwickelt worden wäre – man hätte es nicht besser machen können.”
Claudia Eberhard-Metzger





