Männliche Mistkäfer der Art Onthophagus taurus investieren entweder in die Muskelkraft oder in die Hodengröße ? abhängig davon, welche Fortpflanzungsstrategie sie verfolgen. Das haben Biologen anhand von Experimenten mit diesen Insekten herausgefunden. Demnach entwickeln gehörnte Käfer, die aktiv um Weibchen kämpfen, bei guter Nahrungsversorgung besonders kräftige Muskeln. Bei ungehörnten Käfern nimmt hingegen die Hodengröße zu ? ein Indikator für besonders fitte Spermien. Der Grund: Die ungehörnten Männchen wären den gehörnten Konkurrenten im direkten Kampf unterlegen, nutzen aber jede Gelegenheit, dennoch ein Weibchen zu begatten. Gelingt ihnen das, setzen sich ihre Spermien gegen die der bewaffneten Konkurrenten durch, berichten Robert Knell von der University of London und Leigh Simmons von der University of Western Australia.
Bei einigen Mistkäferarten kommen die Männchen in zwei unterschiedlichen Formen vor: Entweder als gehörnter Kämpfer, der seine ausgewählten Weibchen bewacht und gegen andere Käfer verteidigt, oder als hornloser Schleicher, der versucht, ein Weibchen zu verführen, wenn der Kämpfer anderswo beschäftigt ist. Beim Kämpfer ist eine möglichst große Muskelkraft entscheidend für den Fortpflanzungserfolg, während der Schleicher am ehesten Nachkommen zeugen kann, wenn sich seine Spermien gegenüber den Spermien des Kämpfers durchsetzten können. Dieser begattet nämlich seine Weibchen mehrmals, während der Schleicher froh sein muss, wenn er überhaupt einmal zum Zuge kommt.
Bei ihren Experimenten teilten die Wissenschaftler die hornlosen und die gehörnten Käfer jeweils in zwei Gruppen ein: Die erste Gruppe erhielt eine normale Nahrungsration ? einen Teelöffel Kuhdung ? während einer Dauer von fünf Tagen. Die Käfer in der zweiten Gruppe mussten sich mit einer nährstoffärmeren Portion begnügen. Nachdem fünf Tage vergangen waren, maßen die Forscher die Muskelkraft und das Gewicht der Hoden aller Käfer. Wie sich zeigte, hatten in der schlechter ernährten Gruppe alle Tiere Körpermasse eingebüßt, allerdings an unterschiedlichen Stellen: Bei den hornlosen Käfern hatte das Hodengewicht abgenommen, während bei den gehörnten Käfern die Muskelkraft zurückgegangen war.
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die gehörnten Käfer einen Teil der über die Nahrung aufgenommenen Nährstoffe in die Entwicklung der Muskelkraft stecken. Ihre hornlosen Artgenossen hingegen verwenden die Ressourcen für die Entwicklung der Hoden und konzentrieren sich damit auf eine Strategie, die ihre physische Unterlegenheit kompensiert: Sie produzieren besonders fitte Spermien, die sich gegenüber den Spermien der kämpferischen Konkurrenten behaupten können.
Robert Knell (University of London) und Leigh Simmons (University of Western Australia): Proceedings of the Royal Society B, Onlinevorabveröffentlichung, doi:10.1098/rspb.2010.0257 ddp/wissenschaft.de ? Thomas Neuenschwander