Als der Mensch noch nicht regulierend eingegriffen hat, haben viele Flüsse regelmäßig große Flächen unter Wasser gesetzt – diese Schwemmgebiete werden als Auen bezeichnet. Für die Natur sind die häufigen Überflutungen dort kein Problem – im Gegenteil: Diese Landschaften sind der Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten. Doch dann begann sich auch der Mensch in diesen Regionen auszubreiten – und die Natur schließlich in die Schranken zu weisen: Wo Flüsse regelmäßig über die Ufer traten, wurden häufig Deiche und andere künstliche Strukturen errichtet, um die Wassermassen zu beherrschen. Doch wie sich immer deutlicher abzeichnet, können diese Konzepte die Kulturlandschaft immer weniger vor den zunehmend extremen Flutereignissen im Zuge des Klimawandels schützen.
Der weitere Ausbau von Dämmen und Kanälen scheint dabei keine gute Lösung zu sein: „Der konventionelle technische Hochwasserschutz greift stark in die Gewässerstruktur ein, ist teuer, in der Regel starr und lässt sich nicht ohne Weiteres an die im Klimawandel zunehmenden Überschwemmungen anpassen“, sagt Co-Autorin Sonja Jähnig vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Mittlerweile setzt man deshalb auch auf das Konzept „Hochwasserschutz durch Überflutung“: Flüsse sollen in bestimmten Bereichen wieder mehr Überschwemmungsflächen erhalten, um eine Pufferfunktion bei Hochwasser zu erreichen. Unter anderem kann so etwa verhindert werden, dass flussabwärts die Pegel in Stadtbereichen kritische Stände überschreiten.
Erfolgreiche Projekte analysiert
Mittlerweile gibt es weltweit bereits einige Projekte, die Flüssen wieder mehr Raum geben sollen. Jähnig und ihre internationalen Kollegen zeigen nun auf, dass solche Maßnahmen unter bestimmten Umständen gleich mehrere Verbesserungen erzielen können: Das steigende Hochwasserrisiko im Rahmen des Klimawandels wird abgepuffert und Umwelt sowie die Bevölkerung können erheblich profitieren. Die Forscher präsentieren dazu erfolgreiche „Multi-Benefit-Projekte“ in Deutschland und in Kalifornien, zu denen sie umfangreiche Informationen gesammelt, ausgewertet und analysiert haben.
Als Beispiel für Deutschland untersuchte das Team ein Projekt, bei dem an der Elbe bei Lenzen eine Deichrückverlegung für die Wiederherstellung von Überflutungspotenzial gesorgt hat. Es entstanden dabei unter anderem erneut große Auwaldflächen. Wie die Forscher berichten, hat sich mittlerweile gezeigt, dass sich der Hochwasserscheitelpunkt durch das Projekt um fast 50 Zentimeter verringerte, wodurch weitreichende Schutzwirkungen entstanden. „Das ist so deutlich bis dato nicht gemessen worden und hat die Position widerlegt, dass Deichrückverlegungen nichts für den Hochwasserschutz bringen. Seitdem sind in anderen Flüssen Deutschlands ähnliche Projekte umgesetzt worden“, sagt Co-Autor Christian Damm vom Karlsruher Institut für Technologie. Und auch ein erheblicher ökologischer Erfolg des Projekts war zu verzeichnen: Unterschiedliche Lebensraumtypen konnten in dem Gebiet wiederhergestellt werden und zahlreiche Tierarten kehrten zurück.





