Der 13-jährige Udo F. aus Westfalen ist superintelligent. Wenn er wollte, könnte der Überflieger in den Fächern, für die Normalschüler schwer büffeln müssten, auf Note eins stehen. Trotzdem ist der Gymnasiast lustlos und nicht glücklich. Der insbesondere auf mathematisch-naturwissenschaftlichem Gebiet Hochbegabte fühlt sich im Unterricht unterfordert und vielfach nicht ernst genommen. Damit geht es ihm wie der zwei Jahre älteren, viel beneideten und trotzdem frustrierten Osnabrückerin Karin B., der speziell Fremdsprachen wie im Schlaf zufallen.
Die Wissenschaft kennt das Problem, hat aber noch zu wenig Waffen dagegen. In Münster wurde daher am Freitag das “Internationale Centrum für Begabungsforschung” (ICBF) eröffnet. Die Gemeinschaftseinrichtung der Universitäten Münster und Nimwegen (Niederlande) will fachübergreifend die Denk- und Lernprozesse hoch begabter Kinder ergründen, ihre Erkenntnisse an Pädagogen weitergeben und Förderprogramme entwickeln.
“2,5 Prozent aller Kinder – in Deutschland rund 300 000 – haben einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr”, berichtete Erziehungswissenschaftler Christian Fischer von der Universität Münster. “Weil sie aber zwischen Kindergarten und Abitur nicht besonders gefördert werden, geht es ihnen kaum besser als den etwa gleich vielen lernschwachen Jungen und Mädchen: “Sie langweilen sich. Ihre Leistungsmotivation ist schwach. Sie neigen zu Clownerien, Aggressionen und anderen Verhaltensauffälligkeiten.”
Während die Förderung von Kindern mit Lernschwierigkeiten in den vergangenen Jahren fast selbstverständlich geworden sei, sei die Förderung besonders begabter Kinder ein immer noch vernachlässigtes Handlungs- und Forschungsfeld, bedauert Fischer. Daher müsse bei der Ausbildung von Lehrern und Erziehern “einiges geschehen”. Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich gebe es “wenigstens schon Förderansätze”, sagte der 35-jährige ICBF-Geschäftsführer. “Im sprachlichen Bereich besteht dagegen noch akuter Mangel.
Das neue Forschungszentrum in Münster arbeitet nach Angaben von Uni-Sprecher Norbert Frie eng mit einem ähnlichen Zentrum an der Uni Nimwegen zusammen, das Franz-Josef Mönks bereits 1988 gründete. Nach dem so genannten Nimwegener Modell sei die Verbindung zwischen Forschung und Praxis durch individuelle Angebote für Familien mit hoch begabten Kindern bereits gelungen. Auch auf dem Gebiet der besonders bei dieser Klientel “überraschend häufig vorkommenden Lese- und Rechtschreibschwächen” wurden spezielle Lern- und Denkprozesse schon erforscht und mit einem bereits praktizierten Förderprogramm (LegaOptima) umgesetzt.
“Hochbegabung wird irrtümlich häufig mit Hochleistung gleichgesetzt”, sagte der Experte. “Tatsächlich fällt nur ein Teil der besonders Begabten durch sehr gute Leistungen und Erfolge auf.” Erste Folge der andauernden unerkannten Unterforderung sei Langeweile. “Auf die Dauer schalten die Kinder dann ab. Schnell entstehen Lernlücken. Probleme, die spätestens in der Mittelstufe einsetzen, sind vorprogrammiert.”
Im März beginnt in Münster der erste Durchgang einer Zusatzausbildung zum Thema Hochbegabung für Lehrer aller Fächer und Schulstufen sowie für Lehramtsanwärter. In anderen europäischen Ländern wird die 18-monatige Zusatzausbildung schon angeboten. Seit vergangenen Oktober gibt es an der Universität Münster zudem die erste “Uni für Kinder”. Dort arbeiten mathematisch und naturwissenschaftlich besonders beschlagene Grundschüler in Kleingruppen an schwierigen Aufgaben.
dpa





