Santorini ist nicht nur ein beliebtes Ferienziel, sondern auch eines der am besten untersuchten Vulkansysteme weltweit. Die heutige Form der Insel entstand bei einem großen Ausbruch des Vulkans Kameni um das Jahr 1600 vor Christus. Damals stürzte die entleerte Magmakammer ein und bildete einen riesigen Krater, eine sogenannte Caldera. Die heutige Insel liegt am Rand dieses mit Wasser gefüllten Kraters. Typisch für solche Caldera-Systeme ist, dass sie sich nach und nach wieder mit Magma füllen.
„Wie andere große Vulkansysteme auch, durchläuft Santorini sogenannte Caldera-Zyklen“, erklärt Jonas Preine von der Universität Hamburg. „Nach einem sehr großen Ausbruch beginnt der neue Zyklus mit kleinen, aber häufigen Ausbrüchen, während sich das Vulkansystem wieder langsam mit Magma füllt. Anschließend reift es weiter, die Ausbrüche werden größer, aber seltener, bevor das System reif ist, einen neuen Caldera formenden Ausbruch hervorzubringen.“ Diese Zyklen erstrecken sich oft über zehntausende Jahre. Aktuell befindet sich Santorini in der Phase, in der sich wieder Magma ansammelt. Der Vulkan ist aber noch weit entfernt von einem erneuten Caldera formenden Ausbruch. Seit 197 vor Christus sind zahlreiche kleinere Eruptionen dokumentiert. Große Ausbrüche hielt man bislang allerdings für unwahrscheinlich.
Historische Eruption
Neue Forschungsergebnisse von Preine und seinem Team stellen diese Annahme nun allerdings in Frage. Anhand von seismischen Reflexionsdaten sowie Untersuchungen von Bohrkernen mit Sedimentproben von innerhalb und außerhalb der Caldera haben die Forschenden einen Ausbruch des Kameni im frühen Mittelalter untersucht. Historische Schriften berichten von einer starken Eruption im Frühsommer des Jahres 726 nach Christus. Demnach soll das Meer gekocht haben und große Bimssteine seien bis an die Küste Kleinasiens geschwemmt worden. Konkrete Belege für einen Ausbruch dieses Ausmaßes fehlten allerdings bislang. So fanden sich auf Santorini an Land kaum Ablagerungen, die eigentlich von einer solchen Eruption zurückbleiben müssten.
Doch wie die aktuelle Studie zeigt, sieht es unter Wasser ganz anders aus: „Unsere Analyse zeigt die Ablagerungen einer submarinen explosiven Eruption, die bis zu 3,1 Kubikkilometer Bimsstein und Asche produzierte“, berichtet das Team. Bis zu 40 Meter dicke Schichten aus Bimsstein und Asche finden sich noch heute im Meeressediment. „Das passt zu den historischen Berichten über die Eruption im Jahr 726 nach Christus.“ Die weitgehend fehlenden Ablagerungen an Land sind dadurch zu erklären, dass der Ausbruch unter Wasser stattfand.
Einfluss auf heutige Gefahrenbewertung
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Unterwasser-Ausbruch wesentlich heftiger war als bislang angenommen: „Der geschätzte vulkanische Explosivitätsindex der Größenordnung 5 übertrifft die bisher für Santorin angenommenen schlimmsten Eruptionsszenarien“, so das Team. Selbst die Worst-Case-Schätzungen gingen bisher von Explosionsstärken von höchstens drei bis vier aus. Den Forschenden zufolge haben die neuen Erkenntnisse wichtige Implikationen für heutige Gefahrenbewertungen: „Unsere Feststellung, dass die Santorini-Caldera in der Lage ist, bereits in einem frühen Stadium des Caldera-Zyklus große explosive Eruptionen auszulösen, impliziert ein erhöhtes Gefahrenpotenzial für die östliche Mittelmeerregion“, schreibt das Team.





