Niemand lebt allein. Selbst im Einpersonenhaushalt machen es sich Heerscharen nicht menschlicher Mitbewohner gemütlich. Sie hausen in Mauerritzen, hinter Fußleisten und in Matratzen. Jeder Haushalt beherbergt solch ein heimliches Ökosystem.
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Text: Hartmut Netz
Aus bis zu Hundert verschiedenen Arten von Gliederfüßern kann ein heimliches Ökosystem daheim bestehen, hat eine Studie der North Carolina State University in Raleigh herausgefunden. Zu den Gliederfüßern, wissenschaftlich Arthropoden genannt, zählen Krebstiere wie Kellerasseln, Spinnenartige wie Spinnen und Milben sowie Insekten wie Motten, Speckkäfer oder Stubenfliegen.
Viele dieser Tiere stammen ursprünglich aus wärmeren Ländern, wo sie meist im Freien leben. Im Gepäck des Menschen konnten sie ihren Lebensraum auch auf nördliche Regionen ausdehnen – ein Trend, den nicht nur globaler Handel und weltumspannende Mobilität anheizen, sondern auch der Klimawandel. Arthropoden, denen es in ihrer neuen Heimat im Freien zu kalt ist, finden in menschlichen Behausungen ein behagliches Lebensumfeld. Dort ist es warm, irgendwo gibt es meist auch Wasser; Vorratsschränke und Abfalleimer bieten sich als Nahrungsquelle an. Günstige Lebensbedingungen also für einen quicklebendigen Mesokosmos, dessen Artenzusammensetzung sich von Haushalt zu Haushalt in Nuancen unterscheiden kann.
Ur-Insekten zu Hause
Eine Insektenart, die in fast jeder deutschen Wohnung vorkommen dürfte, ist das Silberfischchen. Die silbrig grau glänzenden, etwa zehn Millimeter langen Tierchen halten sich tagsüber versteckt. Man bemerkt sie meist nur, wenn man nachts im Bad das Licht anmacht. Dann verschwinden sie blitzschnell in ihren Verstecken hinter Fliesen oder in den Fugen dazwischen. Silberfischchen halten sich bevorzugt in Nassräumen auf, denn sie sind auf ein feuchtwarmes Lebensumfeld angewiesen. Die Nahrung dieser Ur-Insekten, die vermutlich schon seit 300 Millionen Jahren existieren, besteht aus Zucker und Schimmel, aus menschlichen Haaren und Hautschuppen sowie aus stärkehaltigen Stoffen, etwa Tapetenkleister.
Vereinzelt in Bad, Küche oder Waschkeller vorkommende Silberfischchen seien harmlos, sagt Reiner Pospischil, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Entomologie und Acarologie. Eine Massenvermehrung sei dagegen häufig Warnsignal für zu hohe Luftfeuchtigkeit und Schimmelbefall. „Zudem fressen Silberfischchen Hausstaubmilben“, berichtet der Biologe. Das nützt dem Menschen, denn Milbenkot kann Allergien auslösen. Allerdings sorgt der moderne Wohnungsbau mit Zentralheizung und isolierten Wänden für einen Rückgang der Bestände: „Die trockene Luft in den Wohnungen macht den Tieren zu schaffen“, erläutert Pospischil.
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Was den Silberfischchen schadet, nützt ihren Verwandten, den Papierfischchen, die es warm und trocken mögen und sich in gut gedämmten Neubauten deshalb besonders wohl fühlen. Um die beiden Arten voneinander zu unterscheiden, muss man genau hinschauen: Papierfischchen sind matt und dunkel graubraun gefärbt sowie mit bis zu 15 Millimetern Körperlänge größer als Silberfischchen. Eindeutig identifizieren lassen sie sich anhand dreier antennenartiger Fortsätze am Körperende, die deutlich länger sind als beim Silberfischchen.
Papierfischchen wurden hierzulande erstmals 2007 entdeckt. Seitdem haben sie sich weit verbreitet, wozu auch der stetig wachsende Onlinehandel beiträgt. Denn Papierfischchen, die hierzulande nur in Gebäuden überleben können, ernähren sich zumeist von Papier und Kartonagen und reisen oftmals in Warensendungen mit. Treten die Tierchen geballt auf, werden sie durch die von ihnen verursachten Fraßschäden vor allem für Archive oder Bibliotheken zum Problem. Aber auch Privathaushalte können betroffen sein.
Fressfeinde
Zwar haben Papierfischchen nur wenige Fressfeinde, doch wie draußen in freier Wildbahn gilt auch drinnen im heimlichen Ökosystem: Fressen und gefressen werden. Entsprechende Raubtiere in Haus und Wohnung sind vor allem zwei Spinnenarten, die Große Winkelspinne und die Große Zitterspinne, die alles fressen, was ihnen in die Quere kommt und nicht wesentlich größer ist als sie selbst, darunter auch Silber- und Papierfischchen. Insbesondere die stark behaarte Winkelspinne, die Körperlängen von bis zu 18 Millimetern und Beinspannweiten von bis zu zehn Zentimetern erreicht, treibt vielen Menschen das kalte Grausen ins Gesicht. Dabei ist sie, so wie alle hiesigen Spinnen, völlig harmlos.
Wie fast alle Spinnen, sind auch die nachtaktiven Winkelspinnen trotz ihrer acht Augen nahezu blind. Die bodennah lebenden Tiere orientieren sich anhand ihrer Borsten und Haare an Körper und Beinen, über die sie selbst leisesten Schall und feinste Erschütterungen spüren. Ihr Netz, angelegt als schmale Wohnhöhle, die sich nach vorn zu einem offenen Trichter erweitert, spannen sie in einem verborgenen Winkel der Wohnung auf – daher der Name Winkelspinne. Dort lauern sie auf Beute. Alles, was sich in den Fangfäden verheddert, seien es Asseln, Fliegen, Käfer oder Motten, wird mit raschem Giftbiss gelähmt und verspeist.
Außerhalb ihres Schlupfwinkels wird man nur selten auf eine Winkelspinne stoßen. Im Spätsommer und Herbst machen sich allerdings die Männchen des nachts auf die Suche nach einem Weibchen. „Dann findet man sie manchmal in der Badewanne oder im Waschbecken“, berichtet Gabriele Uhl, Professorin für Allgemeine und Systematische Zoologie an der Universität Greifswald. Die weitverbreitete Vorstellung, die Tiere entstiegen der Kanalisation, sei jedoch falsch: „Sie sind hineingefallen und auf menschliche Hilfe angewiesen“, erläutert die Biologin. „Denn an glatten Oberflächen können sie nicht emporlaufen.“
Ärgster Feind der Winkelspinne nach dem Menschen ist die Zitterspinne – eine schlanke, zartgliedrige Jagdspinne, der man es kaum zutrauen mag, ihre wesentlich größere und kräftiger gebaute Verwandte zu überwältigen. Stößt sie auf eine Winkelspinne, wirft sie aus sicherer Entfernung Fesselfäden, um deren Beine zu fixieren. Ist die Beute bewegungsunfähig, wird sie in einen Fadenkokon eingesponnen – ein Fresspaket, an dem die Zitterspinne zwei bis drei Tage saugt.
Ihr kreuz und quer gewebtes Netz spannt die Zitterspinne an Decken und Wänden wenig genutzter Wohn- oder Kellerräume. Dort sitzt sie meist mit dem Bauch nach oben. Fühlt sie sich bedroht, schwingt sie im Netz blitzschnell hin und her – sie zittert: „Dadurch verschwimmen ihre Körperumrisse, sodass beispielsweise ein Vogel nicht so recht weiß, wohin er picken muss“, erläutert Gabriele Uhl.
Sowohl Zitterspinne als auch Winkelspinne leben in freier Natur in Höhlen, Felslandschaften oder trockenwarmen Laubwäldern. Während die Winkelspinne in geschützten Lagen auch draußen unter Felsen und Baumwurzeln anzutreffen ist, überlebt die ursprünglich aus Asien stammende Zitterspinne in unseren Breiten jedoch ausschließlich in Gebäuden. Für die wärmeliebenden Tiere bilden Wände und Böden quasi Felslandschaften nach und dunkle Keller werden zum Höhlenersatz.
Wie die Made im Speck
Dem Jagdeifer der achtbeinigen Räuber sind fast alle heimlichen Untermieter in Haus und Wohnung schutzlos ausgeliefert. Doch es gibt eine Ausnahme, die Speckkäfer beziehungsweise ihre Larven. Unter den Sammelbegriff fallen mehrere Arten etwa drei bis fünf Millimeter großer Käfer, die als Kulturfolger in der Nähe menschlicher Siedlungen leben. Die aus wärmeren Regionen eingeschleppten Arten können in hiesigen Breiten nur in Gebäuden überleben. Zwar können sich die ausgewachsenen Tiere nicht wehren und sind potenzielle Opfer von Spinnen. Jedoch: „Speckkäferlarven können sich gut verteidigen“, berichtet Reiner Pospischil. Sie sind am Hinterleib mit Pfeilhaaren bewaffnet, mit denen sie sich auch gegen eine angreifende Spinne verteidigen können. „Bei empfindlichen Menschen können die Pfeilhaare Hautreizungen auslösen“, führt Pospischil aus. Auch sonst ärgern die äußerst lichtscheuen Larven, die sich beispielsweise in den Fugen zwischen Estrich und Wand verborgen halten, den Menschen, denn neben Hunde- oder Katzenhaaren fressen sie unter anderem auch Textilien, Schafwollpullover, Trockenfisch, Trockenfleisch und Getreideprodukte.
Ähnlich verhalten sich bestimmte Mottenarten. Zwar sind die meisten der zu den Schmetterlingen zählenden Tiere harmlos und als Blütenbestäuber sogar äußerst nützlich, doch das gilt nicht für Kleider- und Lebensmittelmotten. Kleidermotten, die in ihrer ursprünglichen Heimat Afrika Vogelnester besiedeln, werden oft mittels befallener Textilien in Haus und Wohnung eingeschleppt. Die bis zu zehn Millimeter großen, hellgelb glänzenden Falter legen ihre Eier auf Fellen, Pelzen und Wolltextilien ab, denn ihre Larven ernähren sich vom Keratin in den Tierhaaren.
Kleidermotten fliegen von Mai bis September. „Die Falter fressen nicht. Schäden richten ausschließlich die Larven an“, erläutert Reiner Pospischil. Während weibliche Tiere sich nahe beim Gelege aufhielten, hätten Männchen einen größeren Aktionsradius von bis zu 20 Metern, so der Biologe. Doch er weist darauf hin: „Legt man befallene Kleidung an frostigen Tagen nach draußen oder im Sommer in die pralle Sonne, ist der Spuk schnell vorbei.“
Die ebenfalls kälteempfindlichen Dörrobstmotten bevorzugen für die Eiablage dagegen Lebensmittel. Meist gelangen sie über eingekaufte Ware in den Haushalt. Die bis zu zehn Millimeter großen Tiere, deren Flügel im vorderen Drittel hellgrau bis ockergelb, hinten rotbraun gefärbt sind, legen ihre Eier einzeln oder zu mehreren direkt in den Nahrungsmitteln oder auf deren Verpackung ab. Die geschlüpften Raupen fressen, verspinnen und verschmutzen unter anderem Tee, Kaffee, Nüsse, Nudeln, Gewürze, Dörrobst, Hülsenfrüchte und Getreideprodukte. In den Vorräten verbringen sie auch den Winter. Gängige Vorratsdosen bieten keinen ausreichenden Schutz.
Nachdem sich die Raupen mehrfach gehäutet haben, verpuppen sie sich außerhalb der Lebensmittelvorräte, beispielsweise im Vorratsschrank in den Bohrungen für Regalträger, berichtet Reiner Pospischil. Aber auch am Übergang von Wand zu Decke. „Dort werden sie allerdings oft von Zitterspinnen erbeutet.“ Pospischil rät, Lebensmittel in Schraubgläsern mit Deckeldichtung zu lagern. Darin seien diese vor Insekten sicher.
Besucher sind unvermeidlich
Taufliegen werden von faulendem Obst angezogen, in das sie ihre Eier ablegen. Ähnlich Stubenfliegen, die von sich zersetzenden organischen Stoffen im Müll in die Wohnung gelockt werden und dort ihre Eier hineinlegen. Hygienischer Umgang mit Obst und Müll hält beide Fliegenarten zuverlässig fern.
Während die ständigen Mitbewohner im Haushalt meist im Verborgenen leben, fallen Zufallsgäste wie Wanzen, Marienkäfer und Schmetterlinge schnell auf. Vor allem im Herbst geraten diese Tiere auf der Suche nach einem Platz zum Überwintern in die Wohnung. Hilft man ihnen nicht rechtzeitig nach draußen, endet das meist tödlich. In beheizten Räumen erwachen sie irgendwann aus der Winterstarre, verbrauchen ihre Energie und verhungern.
Auf systematische Bekämpfung der heimlichen Mitbewohner sollte man möglichst verzichten, rät Pospischil: „Aufmerksamkeit und Prävention sind meist besser als der Einsatz chemischer Mittel.“ Lasse man zudem Spinnen überall dort gewähren, wo sie nicht stören, bleibe das häusliche Ökosystem in der Balance, erläutert der Biologe: „Häuser, in denen weder Insekten noch Spinnen leben, sind auch für den Menschen kein geeigneter Lebensraum.“ //
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