Die Vermehrung von AIDS-Viren in der Anfangsphase einer Infektion wird gehemmt, wenn die Lymphzellen gleichzeitig mit harmlosen Herpesviren infiziert sind. Die Ursache dafür ist eine Blockierung der HIV-Bindungsstelle, die das Virus benötigt, um in eine Zelle einzudringen. Das berichten amerikanische und italienische Wissenschaftler im Fachblatt Nature Medicine.
In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Paolo Lusso vom San Raffaele Scientific Institute in Mailand experimentierten Leonid Margolis und seine Mitarbeiter vom National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) in Bethesda mit menschlichem Lymphgewebe, das aus Mandeln gewonnen wurde. Die Forscher infizierten Gewebestücke mit HIV-1 und humanen Herpesviren vom Typ 6 (HHV-6). Dabei stellten sie fest, dass die Herpesviren die HIV-Vermehrung um 75 Prozent hemmen, wenn es sich um HIV-Varianten handelt, die für die Anfangsphase einer Infektion verantwortlich sind.
Damit AIDS-Viren in eine Zelle eindringen können, ist ein Andocken an spezifischen Rezeptoren der Zelloberfläche notwendig. Zu Beginn einer Infektion sind die Viren dazu auf die Rezeptormoleküle CD4 und CCR5 angewiesen. Später entstehen HIV-Varianten, die statt CCR5 einen anderen Rezeptor (CXCR4) benötigen.
Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass HHV-6-infizierte Zellen große Mengen eines Proteins bilden, das die CCR5-Andockstelle blockiert. Mit diesem Protein war es möglich, den gleichen Hemmeffekt auf die HIV-Vermehrung zu erzielen, den eine Herpes-Infektion hatte.
“Weitere Forschungsarbeiten könnten zu neuen Medikamenten führen, die das Immunsystem dabei unterstützen, HI-Viren abzuwehren”, sagt Duane Alexander, Direktor des NICHD. Um zu überprüfen, ob Herpesviren für eine Therapie eingesetzt werden können, wollen die Wissenschaftler ihre Untersuchungen an AIDS-Patienten fortsetzen. Zum jetzigen Zeitpunkt seien derartige Behandlungsversuche allerdings riskant und verfrüht, sagt Margolis. HHV-6 ist ein weltweit verbreitetes Virus, das bei Erwachsenen offenbar keine Erkrankungen auslöst. Über 90 Prozent der Bevölkerung werden im Laufe ihres Lebens damit infiziert.
Joachim Czichos





