Lange war wenig darüber bekannt, welche und wie viele Haie sich in der Nord- und Ostsee tummeln. Das änderte sich mit der ersten umfassenden Datenerhebung 2017 – neben einigen Überraschungen lieferte sie auch die Datenbasis zum Schutz der heimischen Arten.
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Text: Bettina Wurche
Die großen dunklen Augen fallen als Erstes auf. Ihnen verdanken die Kleingefleckten Katzenhaie (Scyliorhinus canicula) mit den länglichen Pupillen – ähnlich denen unserer Stubentiger – ihren Namen. Mit rund 80 Zentimetern Länge gehören sie zu den kleineren Hai-Arten in der Nordsee und anderen europäischen Meeren. Ihre fast doppelt so großen Verwandten, die Großgefleckten Katzenhaie (Scyliorhinus stellaris), sind seltener, dort aber ebenfalls verbreitet. Heike Zidowitz kennt sie und andere Arten gut, Haie faszinieren sie seit ihrer Kindheit. Deshalb studierte sie Meeresbiologie und mittlerweile bringt die Hai-Expertin ihr Wissen als Mitarbeiterin des WWF in internationale Artenschutzprojekte für Haie und andere Meerestiere ein. 2017 erstellte Zidowitz gemeinsam mit Kollegen im Zuge eines Projekts der Universität Hamburg die erste detaillierte Übersicht von Haien (und Rochen) in der deutschen Nord- und Ostsee. Das Forschungsprojekt im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz lieferte die Datengrundlage zu Status und besserem Schutz der Knorpelfische in unseren Meeren. Es waren – vom kleinen Katzenhai bis zu den gigantischen Riesenhaien – überraschend viele Arten.
Gute Lebensbedingungen
Die Nordsee ist ein Randmeer des Nordatlantiks und nur durch drei schmale Verbindungen mit der Ostsee verbunden. Letztere ist ein flaches Binnenmeer ohne Gezeiten und mit geringerem Salzgehalt (Salinität). Das hat auch einen Einfluss auf die dort lebenden Tiere.
„In der Nordsee sind Katzenhaie entlang der britischen Küsten besonders häufig, dort ist der Untergrund steiniger,“ erklärt die Meeresbiologin. In der deutschen Nordsee mögen sie den felsigen Grund um Helgoland herum, während es ihnen im Wattenmeer zu schlickig und flach ist. „Seltener kommen sie auch im Übergang zur Ostsee vor, im Skagerrak und Kattegat ist es für sie noch salzhaltig genug.“ Die beiden Wassergebiete befinden sich zwischen dem dänischen Jütland, Norwegen und Schweden und verbinden Nordsee und Ostsee. Eigentlich brauchen die europäischen Haie den hohen 35 Promille-Salzgehalt der Nordsee. Am Übergang zur Ostsee, der Beltsee, liegt die Konzentration noch um 20 Promille, also 0,02 Gramm pro Liter: „Dort sind zwar noch Haiarten anzutreffen. Südlich der Beltsee und der dänischen Inseln aber wird ihnen die Ostsee schnell zu salzarm. Knorpelfische bekommen dann Probleme mit ihrer Osmoregulation, also der Regulierung des Wasserhaushalts.“ Süßwasser vertragen höchstens einige tropische Arten.
Nur manchmal, wenn vor allem im Winter wegen heftiger Westwinde ein großer Schwall Nordseewasser in die Ostsee schwappt, schwimmen in dieser salzigeren Blase auch Haie mit: „So gelangte 2015 ein Katzenhai in die Lübecker Bucht und 2016 ein Kleiner Schwarzer Dornhai sogar bis vor die polnische Küste.“
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Kleingefleckte Katzenhaie sind als einzige heimische Hai-Art nicht gefährdet: Sie pflanzen sich schon mit einem Jahr fort. Durch die frühe Geschlechtsreife produzieren sie genug Nachwuchs, um den Bestand stabil zu halten. Die Haimutter heftet die befruchteten Eier an Steine oder Algen, indem sie über den Untergrund streift, bis sich die rechteckigen hornigen Hüllen mit ihren Haltefäden an den Ecken irgendwo verfangen. Elf bis zwölf Wochen wachsen die Embryonen eingerollt in der geräumigen Eikapsel. Ist das Jungtier geschlüpft, werden die leeren Hüllen manchmal an Strände gespült – „Nixentaschen“ heißen sie volkstümlich.
Katzenhaie werden bis zu 13 Jahre alt. Jedoch sind auch sie nicht immun gegen menschengemachte Bedrohungen: Analysen aus der Nordsee und südlich der Britischen Inseln zeigen unter anderem, dass sie mit der Nahrung Plastikmüll aufnehmen, was oft heftige Immunreaktionen und Leberschäden verursacht.
Tagsüber ruhen die Mini-Haie: Die Weibchen verstecken sich dazu oft in kleinen Gruppen in Höhlen, während die Männchen den Meeresboden vorziehen. Nachts jagen sie dann kleine Fische, Kopffüßer oder Bodenbewohner wie Krebse. Schlechte Sicht stört sie nicht, denn dank ihrer sogenannten Lorenzinischen Ampullen, das sind körpereigene Elektrorezeptoren von Knorpelfischen, können sie Beute anhand elektrischer Reize aufspüren.
Biologische Detektivarbeit
Außer den auch in Aquarien so häufig vertretenen Katzenhaien gibt es in der Nordsee mit ihrer Verbindung zum offenen Atlantik noch andere, größere Arten. Neben Riesenhai, Hundshai und Weißgeflecktem Glatthai kommt dort auch der Dornhai vor. Selten sind die bis zu 3,5 Meter langen Heringshaie, genauso wie die Fuchshaie, die nur gelegentlich bei einem ihrer spektakulären Sprünge beobachtet werden können. Vor der südnorwegischen Küste schwimmen in der bis zu 600 Meter tiefen Norwegischen Rinne selbst Tiefwasserbewohner wie die geheimnisvollen Grauhaie, Grönlandhaie oder der Kleine Schwarze Dornhai. Nach Süden und Osten, also zur dänischen und deutschen Küste hin, wird die Nordsee schnell flacher und sandig-schlickig, das mögen Haie weniger. „Dennoch stranden auf den Friesischen Inseln oder im Wattenmeer immer wieder seltene „Sommergäste“, wie der junge Blauhai, der 2020 auf Sylt verendete. Er war ein Erstnachweis in deutschen Gewässern.
Für die erste Auflistung deutscher Haie hat Heike Zidowitz neben Daten von Forschungsfahrten und Fangstatistiken auch Museumssammlungen und historische Texte, Zeitungsartikel sowie Abbildungen bis zum Jahr 1625 zurück ausgewertet: „Historische Meeresökologie“ heißt diese biologische Detektivarbeit. Auch wenn sie oft ungenau und unvollständig sind, geben historische Daten zumindest eine gewisse Vorstellung von der einstigen Haivielfalt. 18 Arten von Haien und Rochen konnten hier identifiziert werden. Manche wurden und werden befischt, andere eher als Kuriositäten bestaunt. Ab den 60er Jahren begannen dann die international koordinierten Forschungsfahrten in der Nordsee als systematische „Volkszählung“ der Fische, die seitdem fundierte Daten für Artvorkommen und Bestandsschätzungen liefern.
Jäger und Gejagte
Gut dokumentiert ist der in der Regel nur metergroße Dornhai, der den meisten Menschen am ehesten aus der Fischtheke bekannt sein dürfte: Ihre geräucherten Bauchlappen werden unter dem Namen „Schillerlocken“ verkauft, die Rückenfilets als See-Aal und in England stehen sie als „Rock Salmon“ auf den Fish & Chips-Menüs.
Seinen Namen verdankt der Dornhai (Squalus acanthias) dem Stachel am Vorderrand der Rückenflossen – zur Verteidigung gegen Fressfeinde wie größere Haie. Er selbst jagt meist in Bodennähe Fische, kleinere Exemplare knacken auch gern Krebse. Meist bleiben sie nahe den Küsten und höchstens 40 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt, wie die Besenderung und Verfolgung von 21 Exemplaren in norwegischen Fjord-Systemen ergaben. Außerdem hielten sich die Tiere im Sommer in tieferen Meeresschichten auf als im Winter.
Dornhaie werden erst ab zehn Jahren fortpflanzungsfähig und bringen dann nach über 18 Monaten Tragezeit vier bis acht 20 Zentimeter lange, im Mutterleib bereits geschlüpfte lebende Jungtiere zur Welt – wie alle Haie, die im freien Wasser ohne Nähe zum Boden leben. Außerdem können sie bis zu 40 Jahre alt werden. Ihre geringe Reproduktionsrate und die Langlebigkeit führen zur schnellen Überfischung der Bestände: Wurden bis Mitte der 80er Jahre noch jährlich 30.000 bis 50.000 Tonnen Dornhaie gefischt, schrumpfte der Ertrag im Jahr 2007 auf 2.500 Tonnen. So ist aus dem ehemaligen Armeleuteessen heute ein teurer und wegen der hohen Quecksilberbelastung auch ungesunder Leckerbissen geworden.
Deutschland ist Unterzeichner der Haischutz-Absichtserklärung der Bonner Konvention und in der EU mittlerweile einer der wichtigsten Förderer von Hilfsmaßnahmen für die Raubfische, erzählt Heike Zidowitz: „Ein großer Erfolg war die Stärkung des Finning-Verbots im Jahr 2013.“ Finning bezeichnet das Abschneiden der Flossen und Zurückwerfen des verstümmelten Haikörpers ins Meer. Das war zwar schon seit 2003 nicht mehr erlaubt, wurde aber erst mit der Nachbesserung 2013 gut kontrollierbar. In den deutschen Meeresgebieten und anderen Teilen der Nordsee sei Finning allerdings kein Thema, sondern eher in südlicheren Gewässern.
Auch wenn der Fang vieler gefährdeter Hai-Arten in der EU mittlerweile verboten ist, bleibt Europa immer noch eine wichtige Konsumregion für Haifleisch und die Fischerei die größte Bedrohung für die Tiere. Fischereiverbote sind daher wirksame Instrumente für eine Bestandserholung. So zeigte ein norwegisches Forschungsprojekt, dass seit des Fangverbots von 2005 der Dornhai-Bestand wieder wächst – die Stichproben ergaben einen hohen Anteil junger Tiere und Mütter.
Friedliche Planktonfiltrierer
Durch die westliche Nordsee ziehen Giganten – die bis zu zwölf Meter langen Riesenhaie (Cetorhinus maximus), welche hier leben und lieben. Europäische und US-Forschende schätzen den weltweiten Bestand in den Ozeanen auf insgesamt über 20.000 Tiere, mehrere Tausend davon treffen sich jeden Sommer westlich der Britischen Inseln. Während des Sommers bewegen sie sich dann mit der Algenblüte aus irischen bis in schottische Gewässer. Einige schwimmen sogar bis in den Norden Norwegens, selten reisen sie nach Westen bis in die Ostsee – 1960 war ein gestrandetes Exemplar vor Stockholm eine Sensation.
Nach den tropischen Walhaien sind sie die zweitgrößten Haie und damit Fische der Ozeane – beide Meeresriesen sind jedoch nur für Plankton „gefährlich“. Da Riesenhaie zum Fressen nahe der Oberfläche mit aufgesperrtem Maul durch dichte Wolken der winzigen Lebewesen pflügen, heißen sie im Englischen „Basking Shark“ – Sonnenbadender Hai. Die vorstehende Schnauzenspitze führte zum wissenschaftlichen Namen Cetorhinus maximus, was so viel wie „Großes Nasen-Meeresmonster“ bedeutet. Schätzungsweise bis zu zwei Tonnen Wasser strömen beim Fressen pro Stunde durch ihre Kiemen, das Plankton – meist Mini-Krebschen voller Omega 3- und anderer Fettsäuren – bleibt an den mit Dornen besetzten Kiemenrändern wie in einer Reuse hängen. Einen Teil des Planktonöls speichert die riesige Leber als Vorrat und sorgt damit gleichzeitig für den Auftrieb der Fische, da sie keine Schwimmblase besitzen. Gerade wegen der gewaltigen ölreichen Lebern wurde der Riesenhai fast 300 Jahre lang bejagt – doch nicht nur wegen des Lebertrans, sondern auch wegen seines Fleischs – und dadurch vor der europäischen Atlantikküste fast ausgerottet. Erst der strenge Schutz seit den 90ern ließ den Bestand der charismatischen Planktonfresser wieder allmählich wachsen.
Vor Irland, Südengland und Schottland sind die Meeresriesen nun wieder häufige und gern gesehene Sommergäste: Mit dem sogenannten Shark Watching wurden die friedlichen Riesen nun auf andere Weise zum Wirtschaftsfaktor. Auch Heike Zidowitz hatte ihre bisher einzige Sichtung vor den Britischen Inseln: Von einer Klippe bei Lands End, Cornwall, entdeckte sie ein Riesenhai-Paar. Dass mittlerweile von Klippen und Booten aus ein ganzes Netzwerk von Freiwilligen nach Haien Ausschau hält, sorgt in Kombination mit Forschungs-Surveys für eine solide Datenbasis. Solche Sichtungen, weitere Zählungen auf See sowie Satellitensender zeigen, dass sich westlich der Britischen Inseln jeden Sommer ein großer Teil des europäischen Riesenhai-Bestands trifft und geben Aufschluss darüber, wie sie saisonal wandern.
Einige der Meeresriesen bilden bei ihrem Stelldichein auffallende Kreise: Mit Unterwasserkameras und Flugdrohnen haben irische Forschende zwischen 6 und 23 Männchen und Weibchen dabei beobachtet, wie sie über Stunden oder sogar Tage in engen Kreisen schwimmen. Bei diesen „circles in the sea“ finden sich schnell Pärchen zusammen, die dann Flosse an Flosse engen Körperkontakt halten – manchmal präsentieren sie sich auch einladend die Bäuche oder springen dabei aus dem Wasser. Diese Wasserreigen zeigen, dass sie sich unter anderem vor Irland und Cornwall paaren, aber der Ort ihrer Kinderstuben ist nach wie vor ein Geheimnis.
Eine genetische Studie ergab, dass fast ein Fünftel der Giganten immer wieder in die reichen Futtergründe der Irischen See zurückkehrt. Andere sind unternehmungslustiger: Ein vor den Britischen Inseln besendertes Weibchen beispielsweise verlor seinen Sender 9.589 Kilometer weiter westlich vor Neufundland, Kanada, und dorthin schwamm es in bis zu 1.264 Metern Tiefe. Erst kürzlich haben irische Biologen herausgefunden, warum den Riesenhaien auch die niedrigen Temperaturen der Meerestiefen um sieben Grad Celsius nichts ausmachen: Sie sind teilweise warmblütig (endotherm). Den Winter verbringt ein Teil der Riesenhaie vor der schottischen Küste, andere bevorzugen die Biskaya-Bucht im Westen Frankreichs und manche ziehen noch weiter südwestlich zu den Azoren.
Schutzmaßnahmen
Riesenhaie werden als eine der wenigen Hai-Arten mittlerweile eher als ikonische Wildtiere denn als Öl- und Fleisch-Ressource gesehen, weshalb sie in England, der EU und vielen anderen Ländern unter Schutz stehen. Im Zuge dessen wurde für sie zwischen dem schottischen Festland und den Hebriden im Nordwesten Schottlands ein Meeresschutzgebiet eingerichtet. Doch auch wenn sie nicht mehr direkt bejagt werden, sterben sie immer noch häufig als Beifang der Fischerei. Vor Schottland waren vor allem die Leinen der Langustenkörbe problematisch. Denn die am Meeresboden liegenden Körbe sind per Leine mit einer schwimmenden Boje verbunden. In diesen Schnüren verfangen sich gerade die an der Wasseroberfläche fressenden großen Meerestiere regelmäßig. Eine Kooperation von Forschern und Fischern konnte diese Todesfälle aber schon erheblich verringern: Es wird versucht, Leinen wal- und haifreundlicher zu gestalten. Am besten ist der Verzicht oder die zeitweise Sperrung der Gebiete für die Fischerei. Dies rettet nicht nur ikonische Meerestiere wie große Haie und Wale, sondern erspart auch den Fischern den kostspieligen Ersatz kaputter Leinen.
Die Treffpunkte der Riesenhaie um die Britischen Inseln scheinen sich aktuell zu verschieben: Vor den Hebriden-Inseln nahmen die Sichtungen in den letzten Jahren ab, dafür gibt es neuerdings offenbar mehr Tiere auf der Nordsee-Seite im Moray Firth nordwestlich von Schottland, obwohl dort viel höherer Schiffsverkehr herrscht. Warum es die Riesenhaie dort hinzieht, ist noch nicht bekannt.
Dieser Faktor zeigt jedoch ein Problem des Artenschutzes: Gerade wandernde Arten verlagern ihre Aufenthaltsorte manchmal und es kann passieren, dass sie die eigens für sie eingerichteten Meeresschutzgebiete wieder verlassen. Die Meereserwärmung bereitet Heike Zidowitz und anderen Hai-Experten zwar ebenfalls Sorgen, allerdings hat sie auf die Haie der europäischen Gewässer derzeit noch keine sichtbaren Auswirkungen.
Und dass sich deshalb plötzlich tropische Haie zu den Katzen- oder Riesenhaien gesellen und vor den deutschen Stränden auftauchen sollen, ist nur ein Schauermärchen fürs mediale Sommerloch. //
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