Das Konzept „Fressen und gefressen werden“ prägt bekanntlich die Lebenswelt der Meere. Die höchste Kategorie der Nahrungskette bilden dabei die sogenannten Spitzenprädatoren, die normalerweise nicht mehr von weiteren Räubern erbeutet werden. Zu ihnen werden die großen Haiarten gezählt. Bisher war auch nicht bekannt, dass die bis zu 3,70 Meter langen und bis zu 230 Kilogramm schweren Heringshaie (Lamna nasus) zumindest nach dem Erreichen der Geschlechtsreife von anderen Räubern erbeutet werden. Doch die Untersuchungsergebnisse von Forschenden um Brooke Anderson von der Arizona State University in Tempe liefern nun Hinweise darauf, dass diese Groß-Haie doch zu Opfern werden können.
Eigentlich wollte das Team im Rahmen seines Forschungsprojekts neue Einblicke in das Wander- und Tauchverhalten der Heringshaie gewinnen, deren Populationen im Nordatlantik und im Mittelmeer durch die Fischerei bedroht werden. Die Forschenden fingen dazu vor der US-amerikanischen Ostküste einige Exemplare ein, um sie mit Daten-Erfassungsgeräten samt Satellitensendern auszurüsten. Nach der Freilassung sammelten die Geräte Informationen über die Bewegungen der Tiere sowie über die Wassertiefen und Temperaturen, in denen sie unterwegs waren. Meist nach etwa einem Jahr lösen sich die Geräte dann von selbst und tauchen zur Meeresoberfläche auf, von wo aus sie die gesammelten Daten an Satelliten senden.
Ungewöhnliche Daten eines trächtigen Weibchens
Zu den mit den Geräten ausgerüsteten Haien gehörte auch ein trächtiges, 2,20 Meter langes Weibchen. Wie das Team erklärt, bringen Heringshaie alle ein bis zwei Jahre durchschnittlich vier Jungtiere zur Welt, die nach einer Tragzeit von acht bis neun Monaten lebend geboren werden. Die Forschenden hofften, Daten von dem Weibchen zu erhalten, die Rückschlüsse auf wichtige Lebensräume der Heringshaie-Mütter und ihrer Neugeborenen ermöglichen. Doch stattdessen lieferte das Exemplar dann Informationen, die eine spezielle Geschichte erzählten.
Zunächst erschien überraschend, dass der Datensender schon vergleichsweise früh aktiviert wurde: Er hatte sich offenbar schon 158 Tage nach ihrer Freilassung von dem Weibchen gelöst und begann in der Region der Bermudainseln die zuvor erfassten Daten zu senden. Aus ihnen ging hervor: Das Tier war im Verlauf von fünf Monaten nachts typischerweise in einer Tiefe zwischen 100 und 200 Metern und tagsüber in 600 bis 800 Meter Tiefe unterwegs gewesen. Dazu passten auch die Temperaturdaten: Die Werte in den verschiedenen Wasserschichten reichten von 6,4 bis 23,5 Grad Celsius. Soweit schien alles normal.
Doch dann blieb die von dem Messgerät aufgezeichnete Temperatur plötzlich über einen Zeitraum von vier Tagen bei annähernd konstanten 22 Grad Celsius. Die Daten zur Wassertiefe zeigten dabei aber Schwankungen zwischen 150 und 600 Metern an, was weiterhin ein Tauchverhalten nahelegte. Dem Team zufolge gibt es für diese Wertediskrepanz eine plausible Erklärung: Das Heringshai-Weibchen war offenbar einem großen Räuber zum Opfer gefallen, der bei seiner Mahlzeit den Datensender verschluckt hat. In seinem Bauch hat er das Gerät dann bei seiner Körpertemperatur vier Tage lang mitgenommen. Dann wurde es ausgeschieden, tauchte auf und übermittelte die Daten. Es handelt sich damit um den ersten bekannten Hinweis darauf, dass ein erwachsener Heringshai von einem anderen Meeresräuber erbeutet wurde, sagen die Forschenden.





