ECHSEN ALS VORBILDER für Wandhaken der Zukunft: Dass daran mehr sein könnte als pure Fantasterei, haben 2003 Stuttgarter Forscher um den Biologen Dr. Stanislav Gorb am Max-Planck-Institut für Metallforschung bewiesen. Durch Messungen und Simulationen fanden sie heraus, wie der Haftmechanismus bei Geckos funktioniert: Die kleinen Reptilien kleben buchstäblich an Wänden und Zimmerdecken, weil sie besonders feine haarige Strukturen unter ihren Füßen tragen.
Nicht Klebstoff oder Saugnäpfe, sondern minimale elektrische Ungleichgewichte auf atomarer Ebene – so genannte Van-der-Waals-Kräfte – zwischen den Haaren und den Unebenheiten der Mauer bewahren die grazilen Tiere vor dem Absturz. Wenn so viel Perfektion nur auch bei selbstklebenden Wandhaken zu finden wäre. Doch bei denen versagt irgendwann unvermittelt der Klebstoff, und der Haken stürzt samt Handtuch, Waschlappen oder Spülbürste in die Tiefe. Was bleibt, ist das leidige Entfernen der an der Wand pappenden Leimreste.
Wie praktisch wäre dagegen ein Dauerhafthaken nach dem Gecko-Prinzip. Das dachten sich auch die Stuttgarter Forscher und taten nach ihrer Entdeckung gleich den logischen nächsten Schritt: „Im Labor konnten wir nach demselben Prinzip bereits kleine haftende Flächen herstellen”, sagt Gorb stolz. Ein Quadratzentimeter „Gecko-Tape” voller künstlicher Mikrohärchen konnte 40 Gramm an der Wand halten. Auch eine Forschergruppe an der Manchester University entwickelte einen derartigen Prototypen.
Dass haarige Strukturen oft gut haften, wissen die Industrieforscher schon lange. Auch der Klettverschluss ist schließlich von der Natur abgekupfert – doch die zentimeterlangen Klettenhaare sind im Vergleich zu den Haaren an Geckofüßen wahre Mammutbäume. Die Natur bedient sich eines einfachen Prinzips: je kleiner und feiner die Struktur, desto besser die Haftung. Der etwa 60 Gramm schwere Gecko hat pro Quadratmillimeter Fußfläche eine halbe Milliarde Hafthärchen. Ein Quadratmeter Geckofuß könnte auf einer glatten Wandfläche 25 Tonnen halten – und das vollkommen kleisterfrei.
Kein Wunder, dass sich auch die Industrie für Geckos interessiert und ihnen intensiv auf die Zehen schaut. Für die Fabrikanten von Tesafilm und Post-it-Selbstklebezetteln ist der Gedanke verführerisch: ein Klebeband, das immer Superhaftung bietet und nach dem Entfernen kein Klebstoffrubbeln nötig macht. Indes: Die großen Unternehmen der Branche haben augenscheinlich ihre Hoffnungen auf ein Gecko-Tape begraben. Der Chemiekonzern DuPont hat seine Arbeiten daran offenbar eingestellt, der Oberflächen-Spezialist 3M lässt sich lieber beim Thema Klebstoffe von der Natur inspirieren, und der japanische Reißverschluss- und Befestigungstechnik-Riese YKK hat gar nicht erst angefangen, daran zu arbeiten.
Stanislav Gorb kennt den Grund: „Die Biologen haben ihre Hausaufgaben gemacht, aber alle Versuche zur großtechnischen Umsetzung sind bisher gescheitert.” Die kleinen Härchen aus Polymeren verklebten ständig, und Ätztechniken, die Abhilfe bringen könnten, sind aufwendig und teuer. „Ein Gecko-Tape, das 150 Euro kostet, kauft keiner”, sieht der Biologe ein.
Einzig eine kleine Firma in Süddeutschland, die bisher nicht mit Klebefilmen, sondern mit haftenden Spezialprodukten auf dem Markt ist, scheint noch im Rennen zu sein. Stanislav Gorb hält es für möglich, dass die Entwickler dort versuchen, Mikrohaare auf mikrostrukturierten Feldern aus einer Polymersuppe von selbst hochwachsen zu lassen – das Unternehmen selbst schweigt sich aus. Angesichts ihrer mächtigen Konkurrenten möchte die Geschäftsführung nicht einmal, dass der Firmenname öffentlich genannt wird. Wenigstens so viel wird verraten: Zur Zeit würden Patentanmeldungen laufen – und Gecko-Tape sei ein ganz guter Ausdruck für das in Entwicklung befindliche Produkt. Tobias Beck ■





