Eine gleichmäßig laute Umgebung kann unaufmerksame Kinder paradoxerweise beim Lernen unterstützen. Diesen Effekt hat ein internationales Forscherteam durch Untersuchungen an norwegischen Schülern gezeigt. Die Konzentrationssteigerung ist den Forschern zufolge wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass der Lärm das Gehirn insgesamt auf Trab bringt. Damit steigt auch die ansonsten unterdurchschnittliche Aufmerksamkeit. Sollte sich dieser Effekt auch in weiteren Studien zeigen, könnten die Informationen dafür genutzt werden, die Schulleistungen von verhaltensauffälligen Kindern auch ohne den Einsatz von Medikamenten zu verbessern.
Um den Lärm zu produzieren, nutzten die Wissenschaftler um Göran Söderlund von der Stockholm University sogenanntes weißes Rauschen, das entsteht, wenn viele akustische Schwingungen übereinander gelagert werden. Es ist immer gleich laut. Das dabei entstehende Geräusch ähnelt dem eines Radios, das gerade keinen Sender empfängt. Für die Untersuchung selbst baten die Forscher dann insgesamt 51 norwegische Oberschüler, in zwei Durchläufen so viele Worte wie möglich auswendig zu lernen. In der ersten Runde herrschte Ruhe, in der zweiten wurden sie mit 78 Dezibel lautem Rauschen beschallt. Diese Lautstärke entspricht etwa der an einer vielbefahrenen Straße.
Gemeinhin gilt Lärm als hinderlich für Aufmerksamkeitsleistungen. Das bestätigte sich jedoch nur bei Schülern, die normalerweise keine Probleme mit der Konzentrationsfähigkeit hatten: Während sie in lauter Umgebung erwartungsgemäß schlechter abschnitten, konnten sich die ansonsten eher unaufmerksamen Schüler die Wortlisten besser merken, wenn Lärm herrschte.
Söderlund führt dieses unerwartete Ergebnis auf das Phänomen der Stochastischen Resonanz zurück. Es beschreibt den Effekt, dass leise Geräusche, die unterhalb der Hörschwelle liegen, dann wahrgenommen werden, wenn sie von weißem Rauschen begleitet werden. Auf diese Weise wird aber nicht nur die akustische Wahrnehmung erhöht, sondern die gesamte Sensibilität der Sinne geschärft, zeigen die Ergebnisse der Forscher. Im Endeffekt steigt dadurch die generelle Konzentrationsfähigkeit. Dieser Effekt tritt allerdings nur bei Unaufmerksamen auf – bei Schülern, die von sich aus aufmerksam sind, dominiert der Ablenkungseffekt, erklären die Wissenschaftler das Phänomen.
Der Befund ist nach Ansicht der Forscher vielversprechend: Mit Hilfe des weißen Rauschens könnten unaufmerksame Kinder ihre Schulleistungen zukünftig möglicherweise ganz ohne zusätzliche Lernprogramme oder gar Medikamente verbessern. Bevor entsprechende Förderprogramme entwickelt werden können, sei es jedoch nötig, die Befunde an einer größeren Stichprobe zu überprüfen.
Göran Söderlund (Stockholm University) et al.: Behavioral and Brain Functions, Onlinevorabveröffentlichung vom 28. September 2010. dapd/wissenschaft.de ? Kristina Abels





