Der Feldhase war einst in den offenen Landschaften Deutschlands häufig, ähnlich wie Rebhuhn, Feldhamster und Kiebitz. Doch die Monokulturen der modernen Landwirtschaft, Siedlungen und Straßen haben ihren Lebensraum immer stärker dezimiert und fragmentiert. Den Hasen fehlen krautreiche Feldränder, die Nahrung bieten, und auch mehrjährige Brachen mit Wildkräutern sind innerhalb des letzten Jahrzehnts von fast 9000 Quadratkilometern auf etwa 3000 geschrumpft.
Hasenzählung im Scheinwerferlicht
Um herauszufinden, wie viele Feldhasen es in Deutschland noch gibt und wie sich die Bestände entwickeln, gibt es jedes Jahr im Frühjahr und Herbst eine große Hasenzählung. Dafür legen sich Biologen, aber auch Jäger in 463 Referenzgebieten in ganz Deutschland nachts auf die Lauer und richten genormte Scheinwerfer auf genau festgelegte Strecken. Alle Feldhasen, die im Lichtkegel auftauchen, werden gezählt. Durch die Zählung im Frühjahr und Herbst lässt sich ermitteln, wie sich die Population durch das Hinzukommen der Jungtiere entwickelt – und ob die Zuwachsrate die Todesrate ausgleichen kann.
Die im Wildtier-Informationssystem der Länder eingetragene Bilanz für 2022 hat der Deutsche Jagdverband nun veröffentlicht. Demnach gab es im Frühjahr 2022 auf den deutschen Wiesen und Feldern im Schnitt 16 Feldhasen pro Quadratkilometer, im Nordwestdeutschen Tiefland waren es sogar rund 24 Feldhasen pro Quadratkilometer. Erfreulich ist jedoch die Nettozuwachsrate der Hasenpopulation: Sie ist im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahrzehnten leicht gestiegen. Im Jahr 2022 gab es bundesweit einen Zuwachs von 13 Prozent, drei Prozentpunkte mehr als im Jahr davor.
Günstige Witterung und ein West-Ost-Gefälle
Ein Grund für die leicht positive Entwicklung ist die Witterung: Das Frühjahr 2022 war laut Deutschem Wetterdienst das drittsonnigste seit Beginn der Messungen – und das kam den Feldhasen entgegen. Denn Wärme und Trockenheit sind in den ersten Lebenswochen entscheidend für das Überleben der Junghasen. Vermehrte Verluste gab es dann allerdings wieder im Spätsommer und Herbst: Der Sommer 2022 in Deutschland war sehr sonnig und trocken und gehörte zu den vier wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn. Dadurch ist Feldhasen-Nahrung wie Kräuter und Gräser schneller vertrocknet als üblich.
Bei den Feldhasenbeständen gibt es zudem ein klares West-Ost-Gefälle. In Nordrhein-Westfalen leben laut den Zählungen der Jägerschaft etwa 18 Tiere pro 100 Hektar offener Landschaft, in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern nur vier bis fünf. “Das hat viel mit der Art der Landwirtschaft zu tun. Sie ist im Westen kleinteiliger. Auf den riesigen Ackerschlägen des Ostens findet der Hase kaum Verstecke vor seinen vielen Feinden”, erklärt Wildbiologe Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Feldhasen-Hochburgen gibt es vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, im Münsterland und in Nordbayern.





