Vor rund 34 bis 38 Millionen Jahren, im späten Eozän, befand sich an der Ostsee der sogenannte Bernsteinwald. Den Harz der Bäume dieses Urwaldes findet man heute als baltischen Bernstein. Eine der größten Lagestätten weltweit befindet sich in Kaliningrad im heutigen Russland. Manche der Bernsteine enthalten winzige Einschlüsse von Tieren und Pflanzen aus der Zeit, als das Harz von den Bäumen tropfte. Wie in einer Zeitkapsel wurden die eingeschlossenen Tier- und Pflanzenteile über Jahrmillionen im Bernstein konserviert – und können der Forschung heute Einblicke in die damalige Fauna und Flora geben.
Detailreiche Blüte
Zu den außergewöhnlichsten Fundstücken aus der Bernsteinlagerstätte in Kaliningrad zählt eine 2,8 Zentimeter große Blüte, die im Bernstein dreidimensional und mit feinen Details erhalten geblieben ist. Im Vergleich zu Einschlüssen kleiner Gliederfüßer sind solche Pflanzeneinschlüsse selten. „Nur ein bis drei Prozent aller Einschlüsse aus spät-eozänem baltischem Bernstein sind botanischen Ursprungs“, berichten Eva-Maria Sadowski vom Berliner Museum für Naturkunde und Christa-Charlotte Hofmann von der Universität Wien. „Die vorhandenen botanischen Einschlüsse sind jedoch wertvoll für das Verständnis der Entwicklung von Pflanzenstämmen, ihrer paläobiogeografischen Geschichte und des Herkunftsgebiets des Bernsteins, einschließlich der Lebensräume, der Pflanzenvielfalt und des Paläoklimas.“
Mit ihren fast drei Zentimetern Durchmesser ist die Blüte aus Kaliningrad rund dreimal so groß wie die meisten anderen bekannten Blüteneinschlüsse und gilt damit als die größte in Bernstein konservierte Blume der Welt. Abgesehen von ihrer Größe weist sie eine weitere Besonderheit auf: Aus ihren Staubgefäßen sind zahlreiche Pollen entwichen und ebenfalls im Bernstein konserviert worden. „Eine so große Blüte im Bernstein zu finden, die darüber hinaus genau zum Zeitpunkt der Einbettung ins Harz ihren Pollen entlässt, ist sehr außergewöhnlich“, sagt Sadowski.
Urzeit-Pollen unter dem Elektronenmikroskop
Entdeckt und erstmals beschrieben wurde die Blüte im Jahr 1872. Damals gingen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich um eine Scheinkamelie (Stewartia) handelte und gaben ihr deshalb den Namen Stewartia kowalewskii. Später kamen an dieser Zuordnung jedoch Zweifel auf. Sadowski und Hofmann haben die Blüte nun neu analysiert. Um so detaillierte Informationen wie möglich zu gewinnen, kratzten sie einzelne Pollen vorsichtig mit einem Skalpell aus dem Bernstein heraus und untersuchten sie unter dem Rasterelektronenmikroskop. „Nur unter extrem hoher Vergrößerung lassen sich morphologische Details auf den nur mikrometergroßen Pollenkörnern erkennen“, erklärt Hofmann.





