Nur die Antarktis birgt noch mehr Eis in sich als der grönländische Eisschild – entsprechend wichtig sind die Eisfelder und Gletscher dieser riesigen Insel für das globale Klima und auch für die Meeresspiegel. Doch der Klimawandel lässt den dicken Eispanzer Grönlands immer weiter schmelzen. Studien zufolge hat sich seine Schmelzrate in den letzten zehn Jahren mehr als vervierfacht. Vor allem das Eis der Küstengletscher dünnt aus und rutscht immer schneller ins Meer.
Starker Schub des Eisverlusts
Jetzt gibt es eine neue schlechte Nachricht: Nachdem sich der Eisverlust in den Jahren 2017 und 2018 ein wenig stabilisiert zu haben schien, hat es 2019 erneut einen starken Schub des Abtauens gegeben. „Nach zwei Jahren Atempause, sind in 2019 die Massenverluste wieder stark angestiegen und übertreffen alle Jahresverluste seit 1948, wahrscheinlich sogar seit über 100 Jahren”, berichtet Erstautor Ingo Sasgen vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Demnach hat der grönländische Eisschild im Jahr 2019 532 Milliarden Tonnen an Eis verloren – so viel wie noch nie zuvor gemessen.
Ermittelt haben die Forscher den Eisverlust mithilfe von Satellitendaten der Missionen GRACE und GRACE Follow-On (GRACE-FO). Die Satellitenpaare dieser Projekte vermessen das Schwerefeld der Erde und können so auch die subtile Anziehungskraft registrieren, die große Eismassen wie der grönländische Eisschild ausüben. Ihre Messgenauigkeit ist dabei so hoch, dass sie auch die Veränderungen in der Massenbilanz des Grönlandeises erfassen. Sasgen und sein Team kombinierten die Satellitendaten der letzten knapp 20 Jahre mit glaziologischen Modellen und Wetterdaten, um zu ermitteln, wie viel Masse die grönländischen Gletscher durch Schneefall hinzugewonnen und wie viel sie durch Schmelze verloren haben.
Schneearmer Winter und anomal warmer, sonniger Sommer
Im Jahr 2019 klaffte die Lücke zwischen dem Eiszugewinn und -verlust extrem weit auseinander: Der Massenverlust überstieg den Zuwachs durch Schneefall um mehr als 80 Prozent. “2019 war der Schneefall geringer als im langjährigen Mittel, auch das hat zu dem Rekordwert beigetragen”, erläutert Co-Autor Marco Tedesco von der Columbia University in New York. “Durch den Vergleich von Satellitendaten mit regionalen Klimamodellen konnten wir genau sehen, welcher Prozess wie stark beteiligt und welche Großwetterlagen bestimmend waren.” Dabei zeigte sich, dass neben dem mangelnden Schneenachschub vor allem anomal warme Sommer mit hohen Abtauraten den Eisverlust antreiben.
“Immer häufiger haben wir stabile Hochdruckgebiete über dem Eisschild, die den Einstrom von wärmerer Luft aus den mittleren Breiten und damit das Schmelzen begünstigen”, berichtet Sasgen. Das war auch im Sommer 2019 der Fall: Ein Hochdruckgebiet legte sich so über das Eisschild, dass die wärmenden Sonnenstrahlen im Süden ungehindert auf das Eis treffen konnten. Weil auch kein isolierender Schnee fiel, tauten die Eisflächen dort besonders schnell ab. Gleichzeitig transportierten die Außenbereiche des Hochdruckwirbels warme und feuchte Luft vom Atlantik an der Westküste Grönlands entlang bis weit in den Norden. Weil diese Hochdruckalge zudem besonders lange anhielt, kam es zu einem drastischen Eisverlust.





