Beinhaus auf Insektenart
Zu ihrem Erstaunen stießen die Forscher dabei auf 73 Nester, die von einer bisher unbekannten Wegwespenart stammten und deren Vorkammern keineswegs leer waren. Stattdessen waren sie mit einem eher gruseligen Inhalt gefüllt: Bis zu 13 Ameisenkadaver hatten die Wespenweibchen in die winzigen Kammern gezwängt. “Als wir diese Nester sahen, fühlten wir uns an die Beinhäuser und Ossuarien historischer Friedhöfe erinnert”, berichten die Wissenschaftler. Solche Beinhäuser wurden im Mittelalter häufig eingerichtet, um Platz auf den Friedhöfen zu schaffen. Dazu grub man die Schädel und Knochen Verstorbener aus und schichtete sie in diesen Häusern auf. Mit der Zeit sammelten sich dort hunderte von Schädeln und Knochen an. Ähnlich dicht an dicht lagen in den Vorkammern der Wegwespen-Nester auch die Ameisen. Die Forscher tauften die neue Wespenart daher Deuteragenia ossarium – Beinhaus-Wespe.
Nach Ansicht der Forscher soll dieser Wall aus toten Ameisen vermutlich die Larven der Beinhaus-Wespe vor Räubern und Parasiten schützen – nicht allein als mechanische Barriere, sondern vielmehr als chemische Abwehrhilfe. Denn die meisten Ameisen produzieren Duftstoffe, mit denen sie untereinander, aber auch gegenüber Artfremden kommunizieren, wie die Wissenschaftler erklären. Die Ameisenkadaver in der Vorkammer strömen diese Duftstoffe ebenfalls aus und das könnte auf gleich zweierlei Weise gegen Angriffe schützen: Zum einen maskiert der Ameisenduft den Geruch der Wespenlarven und erschwert es Parasiten damit, diese zu orten. “Zum anderen kann der Duft auch Räuber abschrecken, denn die meisten Ameisen verteidigen ihre Nester heftig gegen solche Eindringlinge”, so Staab und seine Kollegen. Räuber meiden daher diesen Duft – und damit auch die getarnten Wespenlarven. Tatsächlich zeigte die Untersuchung der Nester, dass diese weniger häufig parasitiert oder beschädigt worden waren als andere ohne die Ameisenkadaver im Vorraum.
“Deuteragenia ossarium ist die erste bekannte Art, die komplette Ameisen in ihre Nester einbaut “, konstatieren die Forscher. Zwar gibt es einige andere Insektenarten, die ihren Nachwuchs mit raffinierten Methoden schützen oder sich sogar selbst in Ameisennestern einquartieren. “Aber keine andere Art baut buchstäblich einen Wall aus Ameisenkadavern”, so Staab und seine Kollegen. Das ist bisher einzigartig und demonstriert auf eindrucksvolle Weise, welche faszinierenden Strategien Tiere entwickelt haben, um ihren Nachwuchs zu schützen.





