Das Breitbandherbizid Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Pflanzengift der Welt. Es tötet jedoch nicht nur unerwünschte Pflanzen, sondern hat auch negative Auswirkungen auf Mensch und Tier. So hat sich zum Beispiel bereits gezeigt, dass Glyphosat die Embryonalentwicklung von Amphibien stört und bei Bienen unter anderem Gedächtnis und Sehkraft beeinträchtigt. Trotzdem gelten Pflanzengifte bislang nur dann als schädlich für Tiere, wenn sie tatsächlich direkt zu ihrem Tod führen, statt diesen indirekt zu bedingen.
Elektroschocks in Blau und Grün
„Angesichts des weltweiten Insektensterbens, das alarmierend voranschreitet, müssen wir den Einfluss der in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizide genauer untersuchen und nicht nur wie bisher die Sterblichkeitsraten betrachten“, erklärt Morgane Nouvian von der Universität Konstanz. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie erforscht, wie sich Glyphosat auf Hummeln auswirkt. Bisher war bereits bekannt, dass das Pflanzengift die Temperaturregulierung der flauschigen Nektarsammler beeinträchtigt, wodurch sie ihre Brut nicht mehr ausreichend warmhalten können. Nouvian und ihr Team untersuchten nun erstmals, ob Glyphosat auch Folgen für die Fortbewegung, UV-Licht-Wahrnehmung und Lernfähigkeit von Hummeln hat.
Dafür fütterten sie Hummelarbeiterinnen, die in freier Wildbahn normalerweise für das Nektarsammeln zuständig sind, täglich mit einer Mischung aus Zuckerwasser und Glyphosat und ließen sie dann verschiedene Experimente durchlaufen. Diese fanden in Y-förmigen Boxen statt, in denen die Bienen sich entscheiden mussten, ob sie auf ihrem Weg den linken oder rechten Y-Arm wählen. In dem Experiment, das ihre Lernfähigkeiten testen sollte, leuchtete ein Arm grün, der andere blau. Der Clou: Eine Farbe war mit Elektroschocks verknüpft, die andere sicher. Eine gesunde, lernfähige Hummel, in deren Gruppe Blau für Elektroschocks steht, müsste den Zusammenhang zwischen Farbe und Schmerz eigentlich recht schnell verstehen und sich stattdessen für die grüne Seite entscheiden. Falls das Glyphosat jedoch ihre Lernfähigkeit beeinflusst haben sollte, dürfte es ihr deutlich schwerer fallen, diese Verbindung zu erkennen.
„Sie lernen überhaupt nicht mehr“
Und tatsächlich: Jene Hummeln, die Glyphosat ausgesetzt waren, wählten mehr oder weniger zufällig zwischen Blau und Grün, unabhängig davon, auf welcher Seite ihnen ein Elektroschock drohte. Anders als die glyphosatfreie Kontrollgruppe hatten sie den Zusammenhang zwischen Farbe und Schmerz offenbar auch nach mehreren Durchläufen nicht erkannt, so die Forschenden. „Soweit wir feststellen können, lernen sie überhaupt nicht mehr“, berichtet Nouvian. Das ist kritisch, denn in der Natur kann eine so stark ausgeprägte Lernbehinderung schnell tödlich enden. Nur wenn eine Hummel bestimmte Signale mit negativen Folgen verknüpfen kann, ist es ihr auch möglich, gezielt tödliche Raubtiere, Gifte oder Parasiten zu vermeiden, erklärt die Forscherin. Als Folge der Lernbeeinträchtigung könnten Arbeiterinnen demnach beim Nektarsammeln vermehrt sterben, was wiederum das Überleben der gesamten Kolonie gefährden würde.





