Ob auf Grönland, in der Antarktis oder in den Hochgebirgen: Fast überall auf der Welt schmelzen die Gletscher, der Klimawandel lässt ihre Eismassen immer schneller schwinden. Selbst die lange stabilen Gletscher der Ostantarktis und des Himalaya verlieren zusehends an Dicke und Volumen, wie Wissenschaftler ermittelt haben. In einigen Regionen Grönlands und der Westantarktis könnte die Eisschmelze sogar schon zum Selbstläufer geworden sein – sie wird selbst bei sofortigem Stopp der Erwärmung noch Jahrzehnte bis Jahrhunderte weitergehen. Auch im jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC aus dem Jahr 2021 wiesen Wissenschaftler auf die dramatischen und anhaltenden Folgen der weltweiten Gletscherschmelze hin: Durch das Schwinden der Eiskappen könnte der Meeresspiegel demnach noch über Jahrhunderte bis Jahrtausende weiter ansteigen und dann tausende Jahre hoch bleiben, so die IPCC-Autoren. Zudem sind gerade die Gebirgsgletscher wichtige Wasserressourcen für Millionen Menschen.
Erste individuelle Prognose für alle Gletscher
Entsprechend wichtig ist es, die Entwicklung der Gletscherschmelze möglichst präzise vorhersagen zu können. Bisher beruhten die meisten dafür verwendeten Modelle allerdings auf relativ standardisierten und vereinfachten Parametern für die Gletscherdynamik, die nicht die individuellen Bedingungen und Prozesse der einzelnen Gletscher widerspiegelten – und daher zwangsläufig ungenau waren. Ein internationales Team um David Rounce von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh hat nun ein neues, genaueres Modell entwickelt, das die glaziale Dynamik und die für die Eisbilanz wichtigen Prozesse umfassender und detaillierter widerspiegelt. “Wir haben in dieser Studie die Methodik prinzipiell verbessert, da wir Satelliten-Beobachtungen und Modelle miteinander kombiniert haben und somit auch regionale Besonderheiten und die dynamische Entwicklung genau berücksichtigen können”, erläutert Co-Autor Fabien Maussion von der Universität Innsbruck.
Die aus zwei früheren Modellen kombinierte Simulation liefert nun erstmals Prognosen für jeden einzelnen der mehr als 215.000 Gletscher weltweit und seine Entwicklung im Zeitraum von 2015 bis 2100. Für ihre Studie haben die Forscher dieses Modell genutzt, um die künftige Gletscherentwicklung für vier Klimaszenarien zu berechnen. Diese Szenarien umfassen als “Best-Case” eine globale Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber präindustriellen Werten, wie es das Klimaabkommen von Paris anstrebt, außerdem eine Erwärmung von zwei, drei und vier Grad bis zum Jahr 2100. „Wir sind aufgrund des aktuellen Niveaus der Emissionen leider auf dem Weg in Richtung einer Temperaturzunahme von 2,7 Grad”, sagt Maussion. Was das für die Berggletscher und polaren Eismassen bedeuten wird, haben er und seine Kollegen nun ermittelt.Die Schelfeise Grönlands und der Antarktis klammerten sie dabei aus.





