Der Pine Island-Gletscher verliert pro Jahr 4 Milliarden Tonnen an Masse. Zu diesem Ergebnis kommen Andrew Shepherd vom University College London und seine Kollegen nach der Auswertung von Daten der beiden europäischen ERS-Forschungssatelliten. Die Forscher stellten ihre Resultate letzten Freitag in der Fachzeitschrift Science vor.
Der Pine Island-Gletscher ist mit rund 175 Kilometer Länge und 50 Kilometer Breite der größte Eisstrom in der Westantarktis. Er wird von einigen kleineren Eisströmen genährt, die weitere 50 Kilometer ins Innere des Westantarktischen Eisschildes hineinreichen. Zusammen bilden sie ein Drainagesystem, das etwa 10 Prozent der Westantarktis überdeckt. In der Pine-Island-Bucht mündet der Gletscher ins Meer.
Die Satellitendaten der Jahre 1992 bis 1999 zeigen in der Nähe des Meeres eine Höhenabnahme des Gletschers um 1,6 Meter pro Jahr. In Richtung des Landesinnern reduziert sich die Höhenabnahme. Sie ist jedoch rund 150 Kilometer stromaufwärts immer noch messbar.
Frühere Messungen hatten bereits ergeben, dass sich die Grundlinie des Gletschers zwischen 1992 und 1996 um 5 Kilometer ins Landesinnere zurückgezogen hat. Bei der Grundlinie trifft der Gletscher aufs Meer. Sie kennzeichnet die Grenze, ab der das Eis nicht mehr auf festem Boden liegt, sondern auf dem Meer schwimmt. In der Regel liegt diese Grenze unterhalb des Meeresspiegels. Schrumpft der Gletscher, verlagert sich die Grenze landwärts.
Eine Hochrechnung der Forscher sagt anhand der aktuellen Daten voraus, dass das Meer den Pine Island-Gletscher in 600 Jahren vollkommen unterspült haben wird. Das dann schwimmende Eis wird einen Anstieg des Meeresspiegels um 6 Millimeter verursachen.
Im Vergleich zu einem prognostizierten Meeresspiegelanstieg von einem halben bis einem Meter allein für das nächste Jahrhundert erscheint dies wenig. Die Forscher befürchten aber, dass das Ausdünnen des Pine Island-Gletschers das heute noch sehr langsam fließende Eis in der restlichen Westantarktis beschleunigen könnte. Ein Abschmelzen oder Unterspülen der gesamten Westantarktis würde einen Meeresspiegelanstieg von 5 Meter zur Folge haben.
Axel Tillemans





