Warum gibt es Homosexualität? Und wie “natürlich” ist sie? Diese Frage wird schon seit Jahrhunderten diskutiert. Weil lange keine Beispiele für gleichgeschlechtliches Verhalten aus dem Tierreich bekannt waren, galt dies lange als “widernatürlich”. Eines der Argumente dafür: Weil aus solchen Paarungen keine Kinder hervorgehen, widerspreche dies den Prinzipien der Evolution und des “Survival oft the fittest”. Inzwischen jedoch haben Beobachtungen an mehr als tausend Tierarten gezeigt, dass homosexuelles Verhalten keine kulturelle Eigenheit nur des Menschen ist. Verschiedene Spielarten gleichgeschlechtlicher Sexualität kommen auch im Tierreich vor – die Spanne reicht von Insekten über Vögel bis hin zu Säugetieren. Berichte über gleichgeschlechtliches Verhalten sind allerdings oft zufällig und anekdotisch und betreffen häufig Tiere, die in Gefangenschaft oder extremen Umgebungen leben. Daher ist strittig, inwieweit solche Verhaltensweise auch für wildlebende Tiere typisch und “natürlich” sind.
Gleichgeschlechtlicher Sex bei 72 Prozent der Affenmännchen
Um diese Frage zu klären, haben nun Jackson Clive und seine Kollegen vom Imperial College London eine umfangreiche Studie mit wildlebenden Rhesusaffen in Puerto Rico durchgeführt. Dort leben rund 1700 dieser Affen frei auf der 15 Hektar großen Insel Cayo Santiago, ihr Verhalten und ihre Genealogie werden seit 1956 intensiv erforscht. Für ihre Studie beobachteten Clive und sein Team das Verhalten der Männchen in zwei sozialen Gruppen dieser Rhesusaffen über drei Jahre hinweg – 2017, 2019 und 2020. Sie dokumentierten dabei für jedes Männchen, ob und wie oft es mit Artgenossen des gleichen oder anderen Geschlechts kopulierte. Bei Rhesusaffen finden Paarungen typischerweise von hinten statt. Ob wirklich ein sexueller Akt vorlag, stellten die Forscher anhand der Erektion und der Stoßbewegungen des aufreitenden Männchens fest. Zusätzlich zeichneten sie auf, mit welchen Partnern die Paarung stattfand, in welchen Situationen und welchen sozialen Rang die Beteiligten innehatten.
Die Auswertungen ergaben Überraschendes: “Insgesamt stellten wir fest, dass gleichgeschlechtliche Paarungen sogar häufiger vorkamen als Paarungen zwischen Männchen und Weibchen”, berichten Clive und seine Kollegen. 72 Prozent der Rhesusaffenmännchen praktizierten häufiger gleichgeschlechtliche Kopulation. “Die meisten dieser Männchen waren von ihrem Verhalten her bisexuell”, sagt Clive. Nähere Analysen der Umstände dieser Paarungen ergaben, dass der soziale Rang der Affenmännchen dabei nur eine untergeordnete Rolle spielte. Entgegen der Hypothese, dass solche gleichgeschlechtlichen Kopulationen eine bloße Machtdemonstration höherrangiger Männchen darstellen, standen bei den beobachteten Rhesusaffen die aufreitenden Männchen sogar häufig im Rang unter ihren männlichen Kopulationspartnern. Gleichzeitig gab es dieses Verhalten aber auch bei älteren, ranghohen Männchen, wenn auch weniger häufig. Sozialer Rang und Dominanzverhalten können demnach maximal einen kleinen Teil dieses gleichgeschlechtlichen Verhaltens erklären, so das Team





