Wie Menschen fremde Gesichter beurteilen, verändert sich sehr schnell: Ob etwa ein Gesicht mehr als männlich oder mehr als weiblich wahrgenommen wird, hängt von den kurz zuvor gesehenen Gesichtern ab. Wie schnell sich die Grenzen zwischen solchen Kategorien verschieben können, haben zeigten nun Psychologen von der Universität von Nevada in Reno. Die Wissenschaftler hatten am Computer Gesichter erzeugt, die Merkmale beider Geschlechter oder widerstreitender Gefühle zeigten. Über ihre Ergebnisse berichten Michael Webster und seine Kollegen in der Fachzeitschrift Nature (Bd. 428, S. 557).
Die Forscher kombinierten ein Frauen- und ein Männergesicht zu Kunstpersonen mit Anteilen beider Geschlechter. Indem sie diese Anteile schrittweise veränderten, schufen die Psychologen eine ganze Serie von Gesichtern, die einen allmählichen Übergang von männlich zu weiblich darstellten. Studenten, die aufgefordert wurden anzugeben, welches dieser Gesichter etwa zur Hälfte männlich und weiblich war, entschieden sich stets für dasselbe Gesicht.
Das änderte sich jedoch, als den Studenten unmittelbar vor der Beurteilung der Kunstgesichter zunächst nur das Frauengesicht gezeigt wurde. Jetzt erschien ihnen das zuvor als androgyn eingeordnete Bild als männlich. Wurde zuerst ein Männergesicht präsentiert, war es genau umgekehrt: Die Studenten erkannten in dem Mischwesen eine Frau. Offensichtlich wurden die neuen Gesichter vor allem aufgrund der Abweichung von Bekanntem beurteilt.
Dasselbe Prinzip fanden Webster und seine Kollegen auch bei der Einordnung in die Kategorien japanisch oder europäisch, angewidert oder überrascht, als sie künstliche Mischgesichter beurteilen ließen. Die Psychologen vermuten, dass sich das Gehirn an die Gesichter anpasst, die regelmäßig gesehen werden. Deren Merkmale führen nicht zu einer erhöhten Nerventätigkeit. Erst wenn wesentliche Abweichungen vom Durchschnitt auftauchen, finden diese erhöhte Aufmerksamkeit.
ddp/bdw ? Thomas Kappe





